Während die Eichhörnchen fleissig ihre Nüsschen verstecken und die gewieften Bauersfrauen tonnenweise Marmelade einkochen, hat die Sammelwut bei mir, die ich weder Eichhörnchen bin, noch Marmelade mag, dieses Jahr etwas abstruse Formen angenommen. Es muss am instinktiven Horten für den Herbst liegen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich kurz vor Herbstbeginn angefangen habe, nahezu zwanghaft auf Ebay Schleichtiere zu kaufen wie eine Verrückte. Ich bin also faktisch zum Schleichhörnchen mutiert!

Als das dritte Paket mit Elefanten, Kühen, Schafen, Waschbären, Pfauen, Kängurus, Wombats, you get the idea, but es waren noch viel mehr, hier ankam, fragte Chris, ob ich verrückt werde. Ich war mir auch nicht ganz sicher. Aber in meinem Kopf hatte ich diese Bilder von Puck und mir, wie wir eine Schleichtiersawanne im Park aufbauen und dann mit dem Legoauto auf Safari gehen. Ich sah uns bei prasselndem Regen gemütlich auf dem Wohnzimmerteppich sitzen, eine Weltkarte auf Packpapier malen, und Schleichtiere den Ländern zuordnen.

Ich wollte Puck erklären, welche Tiere zu den Säugetieren gehören, obwohl sie wie Fische aussehen und 1000 andere Funfacts aus dem Tierreich, die ich mir erstmal anlesen müsste. Aber eines Abends musste ich Chris zustimmen, dass ich es übertrieben hatte. Es reichte nun wirklich mit den Tieren. Ich schlief ein, ohne meinen Schleich Suchauftrag auf eBay zu checken, und nahm mir fest vor, ihn am nächsten Tag zu löschen. DANN wachte ich plötzlich Nachts auf – ich hatte Herzklopfen vor Aufregung – denn mir war wohl im Traum die Idee gekommen, mit Puck die Besiedelung der “neuen Welt” nachzuspielen. Ich hatte plötzlich irre Lust darauf, ihr davon zu erzählen, wie Amerika “entdeckt” wurde und was es mit den Ureinwohnern, den “Indianern” auf sich hatte. Und ehe ich mich versah, hatte ich ein Vermögen ausgegeben für einen Schleich Planwagen, ein Indianertipi und eine ganze Reihe längst vergriffener Figuren, wie einer Siedlerfamilie, ein halber Indianerstamm und sogar Goldsucher und Cowboys mit ihren Pferden und Eseln. Nun fehlte mir noch ein Bison, ich brauchte ein Bison, wir brauchen doch ein Bison! Hektisch legte ich einen Suchauftrag an.

Am nächsten Tag, es war ein Sonntag, ging ich Morgens zum Flohmarkt. (Vielleicht würde ich noch ein Schleichtier…?). Ich fand ziemlich coole Sachen, Schleichtiere waren nicht dabei, aber das machte nichts, es gibt ja immer noch eBay. Ich ging nach Hause, lud meine Schätze ab und machte mich auf den Weg zum Wittenbergplatz. An diesem Sonntag fand in Berlin und vielen anderen Städten Europas eine Demonstration statt, sie nannte sich “Wir haben Platz” und war als Antwort auf die Brände im Flüchtlingslager Moria entstanden. 13.000 Kinder, Männer und Frauen, die schon vorher auf beengtesten Verhältnissen gelebt hatten, waren nun obdachlos. Und niemand, kein einziges Land unseres reichen Europas, schien Platz für sie zu haben. Auf der Demonstration sprach die Tante von Alan Kurdi, dem kleinen Jungen der vor fünf Jahren auf der Flucht vor dem Krieg im Meer ertrank. Das Bild seines kleinen Körpers, der tot im Sand lag, ging um die Welt. Seine Tante erzählte in Berlin, wie ihr Bruder sie anrief, um ihr mitzuteilen, dass sein kleiner Sohn und seine Frau ertrunken waren. Dann konnte sie nicht mehr weitersprechen, der ganze Platz war totenstill. Zusammen mit Zehntausend anderen stand ich vor der Urania und heulte in meine Maske.

Vier Stunden später kam ich nach Hause und holte mein Handy heraus. Ich checkte keine Suchaufträge für Bisons. Sondern lud zum ersten mal in der Geschichte meines Instagram Accounts ein Video von mir selbst hoch, um allen Menschen die mir auf Instagram folgten die Eindrücke des Tages zu schildern. Denn noch immer ertrinken Kinder im Mittelmeer, weil wir sie nicht reinlassen. Weil wir in die andere Richtung blicken.

Der bewegendste Moment heute auf der #wirhabenplatz Demo war, als die Tante von Alan Kurdi gesprochen hat. #alankurdi war der kleine Junge, dessen Bild um die Welt ging, weil er auf der Flucht ertrunken war. Auf dem Bild war sein kleiner Körper zu sehen, der tot am Strand lag. Und heute konnte man auf einem Platz mit Tausenden von Menschen eine Stecknadel fallen hören, als seine Tante vor Tränen nicht mehr sprechen konnte. Weil sie sich daran erinnerte, wie ihr Bruder sie anrief, um ihr zu erzählen, dass seine Frau und seine beiden kleinen Kinder tot sind. Damals haben Millionen Menschen auf der Welt Alans Bild gesehen und gedacht: „Das hätte auch mein Kind sein können.“ Für einen kurzen Moment sind die Menschen zur Vernunft gekommen. Doch heute, 5 Jahre später, ertrinken immer noch Kinder im Mittelmeer. Oder, in einer perversen Verdrehung der Umstände, verdursten sie in menschenunwürdigen Camps in Europa. Damit muss JETZT Schluss sein! Wir können nicht immer nur nach Amerika zeigen und den Kopf über Trump schütteln, solange wir keinen Deut besser sind. Kinder in Käfigen und Kinder in Camps ohne Wasser und Essen – ist der Unterschied so groß? #europemustact #leavenoonebehind #keinmenschistillegal #opentheborders #nomoremoria #seebrückestattseehofer #grenzenauflebenretten

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Dann atmete ich tief durch. Ich hatte innerhalb von zwei Wochen das Budget für einen kleinen Städtetrip in Schleichfiguren gesteckt. Gut, dass wir dieses Jahr sowieso nicht im Urlaub waren. Denn: so hatte ich trotzdem noch eine ganze Menge Urlaubsbudget über, das noch nicht verplant war. Ich spendete es an die Organisation Seebrücke. Ich informierte mich und machte eine Liste mit Stichpunkten, wie man geflüchteten Menschen wirklich und nachhaltig helfen kann (ich werde sie an diesen Beitrag anhängen) und dann?

Dann schnappte ich mir den Puck und spielte und spielte und spielte mit ihr, Safari und Indianer und Bauernhof und Ponyreiten, wir bauten Gehege und Ställe und Flugzeuge für die Affen, die Urlaub auf dem Bauernhof machten. Wir besiedelten Nordamerika, bauten Siedlerhäuser aus Ästen und sprachen darüber, was den Ureinwohnern passiert war (und deckten so ganz nebenbei Kolonialismus und Rassismus ab) und dann spielten wir weiter.

Denn ja. Wir können nicht die ganze Welt retten. Wir können uns informieren und einen kleinen Teil beitragen. Und dann? Dann können wir mit unseren Kindern spielen! Wir können sie lieben bis zum Geht-nicht-mehr, wir können ihnen spielerisch erklären, was auf der Welt Ungerechtes passiert ist und wir können ihnen zeigen, wie wir es besser machen möchten. Wir können eine wunderschöne Welt für unsere Kinder erschaffen – und so den Grundstein dafür legen, dass unsere Kinder später ihre Welt wunderschön werden lassen.

Und wir können sie Sonntags mit zum Demonstrieren nehmen.

 

Ps: Nein, dieser Post ist nicht gesponsert. Weder von Schleich (wie perfide wäre das denn?!), noch von irgendeiner der genannten Organisationen. Es handelt sich also nach aktuell geltendem Recht um unbeauftragte Werbung.

 

Wie man die Welt rettet: Ein paar Tipps zum Anfangen

 

“Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt”

Ich möchte das hier kurz und knapp und effizient halten. Schlimme Bilder seht ihr in den Nachrichten und auf Social Media sowieso ständig. Und dass die Zustände in den Flüchtlingslagern der Welt KATASTROPHAL sind, wissen die meisten vermutlich auch. Nach dem Erdbeben mit anschließender Flut in der Ägäis vorgestern, hat sich die Lage in den Lagern nochmal dramatisiert. Und immer noch ertrinken Kinder im Mittelmeer, also vor unserer Haustür. Was, also, können wir tun?

1. Den Menschen in deinem Umkreis die Angst vor “Flüchtlingen” nehmen

Oft vergessen in dieser Diskussion, aber die Wurzel allen Übels: Die Angst der Menschen vor dem (den!) Fremden. Wenn Onkel Ernst auf dem 65. von Tante Hilde mal wieder einen “harmlosen” aber ganz offensichtlich tiefbraunen Spruch kloppt…

  • …kann man sich natürlich innerlich aufregen wie blöde aber nach außen die Klappe halten, um den Frieden zu wahren
  • …sich mutig vor der gesammelten Verwandtschaft entgegenstellen und damit außer dem familiären Unfrieden auch nichts erreichen (außer dass Onkel Ernst erst richtig angepisst über die verdrehten linksgrünversifften Gutmenschen ist)
  • …ODER: sich tatsächlich mal in Onkel Ernst hineinversetzen. Onkel Ernst war nämlich mit 19 nicht ein Jahr in Australien. Onkel Ernst ist auch nicht mit Interrail durch Europa getourt. Onkel Ernst kennt seinen Garten, liebt seinen Hund und liest die Bild. Und hat Schiss. Onkel Ernst hat Schiss, dass “die Migranten” unsere Kultur vernichten wollen, “unsere” Frauen klauen und dass in 20 Jahren keiner mehr deutsch spricht. Ja klar ist das Panne, aber Onkel Ernst glaubt das halt WIRKLICH! Also? Ich würde es so schön finden, wenn wir einfach erstmal davon ausgehen, dass der Mensch vor uns eigentlich ein GUTER ist – egal, was er von sich gibt — und dann nimm ihn zur Seite und sprich mit ihm. Erzähl ihm von persönlichen Begegnungen. Frag ihn, ob er mal offen wäre, jemanden von “denen” persönlich kennenzulernen. Halte es so persönlich wie möglich und ohne ihn anzugreifen. Es gibt so tolle Projekte, in denen sich Menschen kennenlernen können, einfach mal googeln.

Ein Wort dazu noch… ich KENNE Onkel Ernst. Ich habe mehrere davon in meiner Familie. Und was war das erste, was einer meiner Onkel Ernsts gemacht hat, als ich mal einen “von denen” mit nach Hause gebracht habe? Er hat ihm eine KUKUCKSUHR geschenkt “damit der Junge auch mal was von Deutschland sieht”. Diese Kuckucksuhr war ein Erbstück von Onkel Ernsts Mutter und sie war ihm sehr viel wert. Und dann hat er sie einfach verschenkt.

2. Spenden

Ich habe an Seebrücke gespendet und finde sonst noch diese gut:

Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos

Help – Hilfe zur Selbsthilfe

Stelp

Keine Kohle? Kram aussortieren, Flohmarkt machen, Ebay Kleinanzeigen mobilisieren oder Tante Gertraud fragen. Die war dieses Jahr auch nicht auf Malle und hat vielleicht noch was im Urlaubstopf. Los geeeeht’s!

3. Wende dich an deine Politiker

Ben & Jerry’s hat es gerade super einfach gemacht, deinem Politiker zu schreiben. In diesem Onlinegenerator muss einfach nur die eigene Postleitzahl eingegeben werden und schwups, innerhalb von ungefähr einer Minute hat der Konfigurator eine personalisierte Email an den für dich zuständigen Politiker verschickt. Hab ich gestern ausprobiert, fand ich großartig!

4. Aktiv werden

Es gibt unzählige Wege, sich zu engagieren. Die Seebrücke hat hier eine gute Liste zusammengestellt: Die Aktionen gehen von Petitionen über “Wohnzimmer-Aktivismus” und Social Media bis hin zu Plakataktionen und Autocorsos. Es sind wirklich viele gute Ideen dabei.

5. Sich in Deutschland für bereits hier angekommene Geflüchtete einsetzen

Auch dieser Enorm Artikel fasst gut zusammen, wie du dich hier in Deutschland für Geflüchtete einsetzen kannst. Hier in Kürze die Links

 

Das war’s von mir.

Bitte.
Helft.

#leavenoonebehind