Willkommen im Advent meine Lieben. Zum zweiten mal möchte ich euch heute mitnehmen auf eine Fantasiereise in meine Herzensstadt. Denn noch immer liebe ich London, noch immer ist Pandemie, noch immer habe ich Deutschland dieses Jahr nicht verlassen. Zum zweiten mal in dieser sehr besonderen Zeit träume ich mich in meine Lieblingsstadt und nehme euch mit. Und während wir Zuhause Bastelabende bei Kerzenschein genießen und unsere Freunde nur dick eingemummelt draußen treffen – in meiner Fantasiewelt gibt es kein Corona. Nachdem wir unseren Sinnen beim letzten mal die volle laute, bunte London-Dröhnung gegeben haben, nehme ich euch heute in ein London der Besinnung mit. Der Tag beginnt in einer versteckten Hintergasse in Spitalfields:

Tagespunkt 1: Frühstück bei Ottolenghi Spitalfields

Okay, zugegeben ist ein bekanntes Frühstückslokal jetzt nicht das erste, was mir einfällt wenn ich an das Wort “meditativ” denke, und dann auch noch eins im wuseligen Spitalfields – aber Ottolenghi erfüllt die Kriterien für mich trotzdem. Lasst mich erklären, weshalb. Yotam Ottolenghi, der auch “the King of cauliflower” genannt wird, war der erste Koch, der die Zubereitung von Gemüse (und zwar als Hauptgang!) berühmt gemacht hat. Wer Mittags in eins seiner Restaurants kommt, der findet sich vor Bergen bunt zusammengestellter Gemüseplatten wieder, geschmacklich dermaßen genial abgestimmt mit Gewürzen aus dem nahen Osten und so wunderschön präsentiert, dass man es kaum abwarten kann, von so vielen Platten wie möglich zu probieren.
Auf Papier liest sich das dann beispielsweise so:

Das Ganze ist ein Genuss für die Sinne und einen besonderen Geschmack mit jeder Faser zu erschmecken und zu genießen hat für mich schon immer etwas meditatives gehabt. Auf diesen bunten Vitaminberg freuen wir uns also für das Take-Away zum Mittagessen, denn wir sind ja zum Frühstücken hier.

Heute sind wir ganz gemütlich aufgestanden, weil wir ja gestern so einen vollen, bunten Tag hatten. Wir haben ausgeschlafen und sind dann von unserem schicken Airbnb in Hackney auf einem Morgenspaziergang eine Dreiviertelstunde nach Spitalfields gelaufen. Dabei haben wir uns die kleinen Hintergassen ausgesucht, wir sind an Grüppchen von Schulkindern in Uniform vorbeigekommen, es ist kalt und diesig draußen, typischer Dezember in London. Wir tragen unseren knallbunten Regenschirm mit Chuzpe und haben Schuhe an, die dick und kuschelig sind und so wasserdicht, dass wir bei Bedarf auch mal in eine Pfütze hopsen können. Auf dem letzten Rest des Weges kommen wir von hinten durch den Spitalfields Market. Wir schlendern durch die kleinen Stände, auf denen allerlei buntes und kurioses feilgeboten wird.

Oder Tee! Tee wird heute noch eine große Rolle spielen.

 

Hier ein paar Feder-Ohrringe, dort eine ganz besondere Postkarte, es gibt gehäkelte Designerröcke und verrückte Hüte die vor hundert Jahren wirklich auf den Köpfen der Gentlemen durch London spaziert sind. Und überall um uns rum gibt es natürlich das raffinierteste Streetfood und die leckersten Shakes.Vor dem Stand mit den aufgetürmten Obst-Pyramiden aus Orangen, Bananen und Maracuja machen wir kurz Pause und gönnen uns eine Vitaminbombe vor dem Frühstück.

Nur eine Straße weiter sind wir dann bei unserem eigentlich Ziel angekommen. In einer kleinen Hintergasse, versteckt an der Ecke, liegt das Ottolenghi Spitalfields. Durch die große Fensterfront sehen wir schon das Morgenäquivalent zu Ottolenghis Gemüsebar: den Pastry-Counter. Während wir uns bei der Bedienung für unseren Tisch anmelden, bestaunen wir die sich unter süßen Köstlichkeiten biegende Theke. Da gibt es Schokoladenküchlein und Pistazienfinanciers mit Moccacreme, Zitronentörtchen, Mandelcroissants und Zimt-Brioche-Brezeln… Selbst mein französischer Foodsnob von bestem Freund musste zugeben, dass er hier das beste Pan au Chocolat seines Lebens gegessen hat.

Ta-Daaaaa: Der Ottolenghi Pastry Counter

Und das ist ja nur der Anfang, denn es gibt auch noch warme Frühstücksgerichte aus der Küche. Und nicht von Ungefähr gilt das Israelische Frühstück als eins der besten auf der Welt.

Wir entscheiden uns, keinen Tisch zu nehmen, sondern an der Theke zu essen. Abgeschieden vom trubeligen hinteren Teil des Restaurants, sitzen wir hier auf Barhockern an einem schmalen Tresen, der sich vor der Fensterfront entlang zieht. (Mit Blick auf den KUCHEN!) Während wir freudig unsere Getränke im Empfang nehmen (duftender Kaffee und englischer Breakfast Tea im Kännchen, mit einem Schuss warmer Milch), beginnt es draußen in Strömen zu regnen. Wir knabbern an einem warmen, knusprigen Schokocroissant, aus dem die dunkle Schokolade herausfließt und schauen zu, wie die Tropfen auf den braun gepflasterten Bürgersteig platschen. Draußen klappen die Londoner Businessleute ihre schwarzen Regenschirme und stapfen entschlossenen Schrittes stoisch weiter durch den Regenvorhang. Hier drinnen ist es warm und gemütlich und jetzt kommt auch schon unser Frühstück.Es gibt traditionelle Shakshuka und frittierten Halloumi mit Zitronen Labneh und Walnuss Salsa. Das Brot dazu ist selbst gebacken und noch warm, und perfekt, um es in die würzige Tomatensauce zu tunken.

Tagespunkt 2: Das Beduinenzelt at St. Ethelburga’s

Es hat aufgehört zu regnen. Nachdem wir uns im Ottolenghi noch eine bunte Portion vom Salatbuffet zusammenstellen und zusammen mit einem Törtchen haben einpacken lassen, spazieren wir zehn Minuten weiter zu einer kleinen mittelalterlichen Kirche.

 

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St. Ethelburga’s ist nach einer Frau aus dem achten Jahrhundert benannt, die sich weigerte, einen Prinzen zu heiraten und deshalb von ihrem Bruder gezwungen wurde, Nonne zu werden. Diesen Job hat sie so gut gemacht, dass sie nicht nur zur Äbtissin befördert, sondern auch heilig gesprochen wurde. Nach einem schweren Bombenanschlag im Jahr 1993 wurde die Kirche als “Zentrum der Versöhnung und des Friedens” wieder eröffnet und versteckt heute ein kleines Meditationsjuwel in ihrem Garten: Ein beheiztes Beduinenzelt, in dem jeder Willkommen ist, der seine Schuhe vorher auszieht.

Dieses Zelt wurde als Antwort auf 9/11 gebaut, und soll allen Menschen, gleich welchen Glaubens und welcher Kultur, einen Ort des Willkommens und der Reflexion bieten. Eine Gelegenheit für uns, um ganz still zu werden und in uns zu gehen.

 

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Tagespunkt 3: Tea History Tour mit Lera

Einst war er so wertvoll, dass das britische Königreich ein Vermögen damit verdiente: Tee. Das war zu der Zeit, als eine Schifffahrt von China noch so lange dauerte, dass ein Großteil der Teeladung danach verdorben gewesen wäre, wenn sie nicht mit lauter giftigen Substanzen haltbar gemacht worden wäre. Der Tee war damals dermaßen ungenießbar, dass die Briten ihn mit Milch und Zucker trinken mussten, um ihn überhaupt herunter zu bekommen.
Aber Tee war nunmal der letzte Schrei, jeder wollte ihn trinken.
“Und”, sagt Lera, “daran sieht man die Magie dieser Pflanze. Selbst unter den widrigsten Umständen hat sie es geschafft, die Liebe eines ganzen Volkes zu wecken.”

Lera ist Londons “Tea Whisperer” und sie hat vor dem Borough Market auf uns gewartet, in ihrer Hand ein Teeblatt als Erkennungszeichen. Zwei Stunden lang wird sie uns jetzt durch die Stadt führen, über die London Bridge, vorbei an großen Straßen und hin zu kleinen, versteckten Orten, die im London der Gegenwart fast unsichtbar geworden sind, aber das London der Vergangenheit maßgeblich mit beeinflusst haben (zum Beispiel zu dem Pub, in dem Charles Dickens Oliver Twist geschrieben hat). Im Gepäck hat Lera alte Fotos aus der Zeit der Tea-Clipper, der riesigen Schiffe der Handelsgesellschaften, die sie vor den Ausblick auf die Themse hält, so dass wir uns fast vorstellen können, sie würden immer noch darauf fahren. Wir hören die große Geschichte des Teehandels (und damit die Geschichte des britischen Königshauses) aber Lera kennt auch Geschichten von kleinen Teehäusern, in denen wohlhabende Frauen, die noch nie in ihrem Leben außer Haus gegessen hatten, plötzlich gesellschaftsfähig nachmittags einen “High Tea” zu sich nehmen konnten.

Wir probieren den Unterschied zwischen einem First Flush und einem Second Flush Darjeeling und können schon selber nicht mehr fassen, wie wir jemals aus Teebeuteln trinken konnten.

 

Altes Teehaus in London

Hier hat Charles Dickens Oliver Twist geschrieben

 

Altes Teehaus in London

Wie sie da damals gesessen haben müssen, vor 200 Jahren, die verarmten Schreiberlinge Londons, und noch keine Ahnung hatten, dass sie mal die größte Literatur der Weltgeschichte mitbestimmen würden…

 

 

 

Könnt ihr es riechen?


 

Tagespunkt 4: Abendessen Bei Rasa

Was würde zum Tagesmotto besser passen, als das Essen aus dem Land der Yogis? Und wie praktisch ist es da, dass London wohl außerhalb Indiens das beste Indische Essen der Welt haben muss? Normalerweise würde ich allerdings zum indischen Street Food tendieren, für das London berühmt ist, aber heute nicht. Heute wollen wir meditativ, sprich: langsam und genussvoll und voller explodierender Aromen. Und deshalb hab ich heute Abend für uns das Rasa ausgewählt. Mit dem Rad fahren wir daher aus dem quirligen Southwark 20 Minuten in das ruhigere Stoke Newington und suchen uns dort aus einer Auswahl von hübsch bemalten bunten Türen die pinke aus. Dahinter liegt eins der bekanntesten vegetarischen Restaurants Londons, das seit Jahrzehnten immer wieder Preise für sein Essen einsammelt.

Man trete ein.

Rasas Gründer, Das Sreedharan, beschreibt es folgendermaßen: “Food not only replenishes us, it interprets our world for us. When we feel healthy, nourished and cared for, when what we eat excites us, life is better. We’re actually happier. Instead of stressing about what’s ahead or behind us, we stop to enjoy what’s happening now. Food brings life to us, teaches us to enjoy life.

Ich weiss ja nicht, wie es euch geht, aber ich probiere mich in neuen Restaurants am liebsten erstmal einmal durch die komplette Karte. Und deswegen werde ich uns auch das “Vegetarian Feast” bestellen, eine Auswahl aus allem, was das Rasa an Wundervollem zu bieten hat, in kleinen Happen zum Probieren. Während wir warten, knabbern wir an blumenförmigen Achappams aus Reismehl, Kokosnuss und schwarzem Sesamöl und stoßen mit einem Mangolassi auf den Abend an.

Dann kommt unser “Feast”, auf großen Platten wird es hereingetragen: kleine Schalen voller Herrlichkeit. Es gibt knusprig frittierte Kochbananen, die wir in Erdnusssauce tauchen, wundervoll geschmackvolle Linsensuppen mit Knoblauch und Koriander, wir essen Dosas, die indischen Pfannkuchen, mit scharfem Kartoffel Masala und Kokosnuss Chutney. Wir probieren uns durch die ganzen Currys und genießen die Gewürzexplosionen aus Curryblättern, Ingwer und Senfsamen, es gibt Spinat mit Linsen und Knoblauch, Auberginen in einer Zwiebel-Tamarinden Paste gekocht und mit Cashew-Sauce verfeinert, und wunderbares Chana Masala aus Kichererbsen und Tomaten. Dazu lassen wir uns eine Auswahl an verschiedensten Reissorten bringen, warum nicht mal den mit Zitrone? Oder den Tamarindenreis mit fein süßer Note und Cashews, Erdnüssen und Chilis? Die Teller wischen wir am Ende fein säuberlich aus, so wie sich das gehört. Einfache Naans werden wir hier nicht finden, dafür probieren wir Appams, knusprige Reis-Pfannkuchen, die zum Aufsaugen der Sauce wie gemacht sind.

Satt und zufrieden sitzen wir zusammen, lauschen den Gesprächen der anderen Gäste und freuen uns, dass wir hier zusammen sind. Und bestellen uns dann noch, denn was Süßes geht immer, ein kleines “Payasam”, einen Nachtisch. Darf es ein Reispudding nach dem Rezept des berühmten Krishna Tempels in Kerala sein? Oder wollen wir mal die Banana Dosas probieren, kleine Pfannkuchen aus Bananen, Mehl und Kardamom? Oder eher ein leichtes Mango Sorbet? Wie auch immer wir uns entscheiden, das Rasa garantiert, dass all seine Speisen mit “Liebe und tiefem Respekt für ihre Zutaten” zubereitet wurden. Und diese Liebe, diesen Respekt, haben wir beim Essen in uns aufgenommen. Wir schweben quasi aus dem Restaurant.

Tagespunkt 5: Teezeremonie mit Lera

Es ist mittlerweile acht Uhr Abends, wir haben früh zu Abend gegessen heute – denn jetzt kommt der eigentliche Grund, warum ich als Überschrift “London meditativ” gewählt habe. Denn ich habe für uns nicht nur eine Geschichtstour mit Lera geplant – sondern direkt auch noch den Abend. Leras besondere Art saugt uns innerhalb von Sekunden aus dem Londoner Trubel heraus – und ins Hier und Jetzt, so dass wir danach unseren Urlaub tiefenentspannt und mit voller Präsenz weiter genießen können (wir wollen doch noch ein paar Tage bleiben?).

Wir treffen uns in einem alten Industrieloft mit Fensterfront und Ausblick auf einen kleinen Garten in dessen Mitte in einem Springbrunnen eine große Buddha Figur steht. Der riesige Raum ist zum Yogastudio ausgebaut und jeder nimmt sich erstmal eine Matte und eine Decke. Lera hat in der Mitte ihre Teeutensilien vorbereitet, eine wunderschöne chinesische Kanne mit heißem Wasser und kleine Teeschalen, in die sie gleich, nachdem wir alle angekommen und sind, mit kreisendem Zeremoniell ihren Tee ausschütten wird. Die Blätter kommen von einem Tausend Jahre alten chinesischen Baum, unter dem Lera ihre Initiation als Meisterin erhalten hat.

Seitdem ich Lera kenne, weiss ich, wie sehr Optik täuschen kann – denn Lera sieht vielleicht aus, wie eine junge Frau, die mit grazilen Bewegungen an ihrer Tasse nippt – aber in Wirklichkeit ist sie ein hunderte Jahre alter chinesischer Meister, der seit Anbeginn der Geschichte in seinen Zeremonien die Zeit festhält, so dass sie… einfach stehen bleibt. Lera ist eine dermaßen beeindruckende Persönlichkeit, dass AirChina sogar mal einen kleinen Film über sie gedreht hat.

Und so sitzen wir hier, ruhig geworden in dieser besonderen Atmosphäre, und nehmen unsere Teeschale in Empfang. Wir spüren den Dampf, der von ihr aufsteigt, in unserem Gesicht. Riechen den Duft dieses weit gereisten Tees. Und vertrauen Lera Worten, dass Tee “genau weiss, wo sie in unserem Körper hingehen muss, um Blockaden zu lösen. Wir müssen ihr nur erlauben, sich Zeit zu nehmen.”