Auf Tik Tok gibt es einen neuen Trend. User drehen kleine Videos davon, wie sie ihre Harry Potter Bücher verbrennen.
Und werden von Zehntausenden dafür gefeiert.

Gleichzeitig laufen seit Monaten die Meinungen heiß darüber, ob J.K. Rowling sich von einer Heldin der Schwächsten in eine Befürworterin von Minderheiten-Unterdrückung verwandelt hat. Von McGonagall in Umbridge quasi.
Was ist da los?

Für alle, die sich in der aktuellen heißen Debatte um J.K. Rowling nicht so richtig zurechtfinden, habe ich versucht, hier einen möglichst knappen aber stichhaltigen Überblick zusammenzuschreiben. Ich habe relativ lange dafür gebraucht und es steckt eine ganze Menge Recherche-Arbeit darin. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, eine Expertin auf diesem Gebiet zu sein, also klärt mich bitte gerne auf, wenn ich etwas unklar erklärt oder sogar falsch verstanden habe.

Zu Beginn eine kurze Definition des in dieser Diskussion wichtigsten Begriffes.

Definition Transgender:

Eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen, die ihr soziales Geschlecht (Gender) als abweichend von ihrem biologischen Geschlecht empfinden und/oder ihr soziales Geschlecht davon abweichend ausdrücken, entweder durch ein entsprechendes soziales Verhalten oder durch eine Geschlechtsangleichung. Es handelt sich dabei um einen Sammelbegriff, der transsexuelle/transidente Menschen sowie andere Menschen, die nicht den gängigen Geschlechterrollen entsprechen, zusammenfasst. Nicht alle Menschen, die sich als Transgender verstehen, unterziehen sich einer Geschlechtsangleichung.

Was hat J.K. Rowling eigentlich so schlimmes gesagt? Die Vorwürfe (eine Timeline)

Juni 2020: Es gab schon früher einige Situationen, in der J.K. Rowling Kritik der Trans-Community auf sich gezogen hatte, aber so richtig los geht es Anfang Juni, als sie einen Tweet veröffentlicht, in dem sie sich über die Bezeichnung “Menschen, die menstruieren” lustig macht und schreibt “ich bin sicher, es gab dafür mal ein Wort…” und im Folgenden klarstellt, dass sie damit das Wort “Frauen” meint.
Da aber z.B. auch Trans-Männer, die ja als biologische Frau geboren wurden, menstruieren, zieht dieser Tweet heftige Kritik nach sich.

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Ein paar Tage später veröffentlicht Rowling auf ihrer Webseite einen langen und persönlichen Artikel, in dem sie beschreibt, warum sie sich so öffentlich in dieser Debatte positioniert und außerdem erstmals öffentlich macht, dass sie in ihrer ersten Ehe schwer missbraucht wurde. Viele ihrer Gegner sehen diesen Artikel allerdings für einen weiteren Beweis für J.K. Rowlings Transphobie.

In den folgenden Wochen postet Rowling noch mehrere Tweets zu dem Thema und positioniert sich, nach Meinung einer breiter werdenden Öffentlichkeit, immer klarer gegen die Trans-Community. Eine Reihe von Berühmtheiten, unter anderem das komplette Harry Potter Schauspieler-Trio, spricht sich öffentlich deutlich gegen Transphobie aus.

Als Stephen King einen von Rowlings Tweets teilt, schreibt sie “Ich habe Stephen King schon immer bewundert, aber heute hat meine Liebe ein neues Level erreicht.” Fans von King fordern darauf hin eine Erklärung von ihm, ob er fände, dass Trans-Frauen Frauen sind. Er stellt klar: “Yes. Trans women are women.” Daraufhin löscht J.K. Rowling ihren Bewunderungs-Kommentar wieder.

September: Mitte September erreicht die Geschichte dann nochmal ein ganz neues Level, als das neue Cormoran Strike Buch herauskommt, eine Krimireihe, die Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht. In diesem fünften Band geht es um eine Frau, die von einem Serienmörder getötet wird – ein Serienmörder, der als Transvestit in Frauenkleidern herumläuft. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, ist dies auch nicht das erste Mal, dass in der Cormoran Strike Reihe dieses Thema negativ aufgegriffen wird. Schon im zweiten Band “The Silkworm” gibt es eine Protagonistin namens Pippa, von der Cormoran Strike gestalkt wird. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei Pippa um eine Transgender Frau, was Strike an ihrem Pass und “ihrem Adamsapfel” feststellt. Pippa versucht zu fliehen, woraufhin Rowling dem Kommissar folgende Worte in den Mund legt: “If you go for that door one more time I’m calling the police and I’ll testify and be glad to watch you go down for attempted murder. And it won’t be fun for you Pippa. Not pre-op.”

Eine Woche später gibt es dann direkt den nächsten Aufreger, als Rowling auf Twitter einen Shop promotet, der unter anderem Buttons und Tassen verkauft auf denen Dinge stehen wie “Trans-Frauen sind Männer” und “Trans-Männer sind unsere Schwestern”. Dieser Tweet ist immer noch der erste, den man zu sehen bekommt, wenn man Rowlings Twitter-Profil aufruft, da sie ihn ganz nach oben gepinnt hat.

 

Rowlings Argumente im Fakt-Check

Ich war immer ein riesiger Bewunderer von J.K. Rowling. Als ich deshalb im Juni zum ersten mal von den Vorwürfen gegen sie gehört habe, war ich mir sofort völlig sicher, dass “meine” J.K. Rowling, die seit Jahrzehnten als Champion der Schwachen und Unterdrückten unterwegs war, ganz sicher nur falsch verstanden wurde. Ich las zuerst einmal ihren sehr langen Blogpost. Ich hatte vom Thema keine Ahnung und fand die Argumente darin klangen doch einigermaßen schlüssig…? Sie hinterließen aber irgendwie trotzdem einen schalen Beigeschmack, also habe ich weiter recherchiert. Besonders beeindruckt hat mich im Rahmen dieser Recherche ein Twitterfeed von Andrew James Carter, in dem Rowlings Argumente Punkt für Punkt widerlegt werden. Er ist SEHR lang und ich möchte deshalb nur einmal ein paar von den Punkten hier auf deutsch wiedergeben.

1. “Wenn Trans-Frauen auf Damentoiletten gehen dürfen, fallen damit geschützte Räume für Frauen weg.”

Rowling impliziert damit sehr deutlich, dass sie Trans-Frauen für eine Gefahr für Cis-Frauen (die biologisch bereits als Frau geboren wurden) hält. Dieses Argument, dass Männer sich als Frauen “tarnen”, um dann Frauen in ihren “letzten geschützten Bereichen” (wie z.B. der Damentoilette) belästigen zu können, hält sich hartnäckig unter Gegnern der Trans-Gender Gleichberechtigung. Mal ganz davon abgesehen, dass dieses Recht auf Benutzung der geschlechtsspezifisch zugeordnet richtigen Toilette schon seit Jahren in den meisten westlichen Ländern gesetzlich verankert ist, werden im Feed Studien angeführt, die nicht nur belegen, dass dieses Argument ein Mythos ist, sondern auch, dass für Trans-Frauen ein geschützter Raum mindestens ebenso notwendig ist wie für Cis-Frauen, da sie (und alle Trans-Personen) “regelmäßig massiver Diskriminierung in Form von Drohungen, Ausgrenzungen, sozialem Ausschluss, Spott, Beleidigungen, sowie physischer und sonstiger Gewalt ausgesetzt sind. Dies betrifft alle Bereiche des täglichen Lebens

Zusätzlich: Trans-Menschen von ihren jeweiligen Geschlechtsspezifischen Bereichen auszuschließen, wäre für diese nicht nur gefährlich – es existiert auch kein Mechanismus, um das Geschlecht eines Menschen eindeutig zu identifizieren, es sei denn, man inspiziert seine Geschlechtsteile. Wer das bezweifelt, der schaut gerne mal auf dem Instagram Profil von “transworldwide” die eingesandten Bilder von Trans Frauen wie porcelaingoirl, Miss Elena Sophiereborn nkl oder Miss masterson an!

Gibts natürlich auch umgekehrt unter dem Hashtag #transmen, welches z.B. von folgenden schnieken jungen Herren benutzt wird: alex lorenzzoallekcastellanithatgingerqueer und harrysaxonpm

Disclaimer: All diese Profile sind wahllos herausgegriffen, um einen Punkt zu untermauern, der rein auf optischen Kriterien beruht. Ich habe mich mit den Profilen nicht weiter beschäftigt und weiss nicht, welche weiteren Ansichten ggf. von den Personen vertreten werden. Das ich sie hier poste, heisst also keinesfalls, dass ich mit irgendwelchen Ansichten zwingend übereinstimme.

 

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2. “Es gibt eine Explosion von jungen Frauen, die sich plötzlich zu Männern umoperieren lassen möchten und auf der anderen Seite immer mehr, die bereuen es getan zu haben, und jetzt nicht mehr zurück können”

J.K. Rowling schreibt, dass junge Menschen “überredet” werden, sich umoperieren zu lassen, obwohl sie gar nicht Trans sind. Sie würden also quasi “getranst”. Sie impliziert mehrfach, dass junge Frauen sich zu Männern umoperieren lassen, um der gesellschaftlichen Diskriminierung gegen Frauen zu entgehen. Das ist, wie im von Carter gezeigt, erstens faktisch falsch (es gibt extrem langwierige Prozesse, denen ein Mensch sich vor einer Geschlechtsumwandlung unterziehen muss, die sich gut und gerne ein paar Jahre hinziehen können. Hier in Deutschland ist z.B. laut Antidiskriminierungsstelle das Prozedere einer Körperveränderung mit obligatorischer Psychotherapie, Alltagstest, Kostenübernahmeverfahren und Begutachtung sehr langwierig”) und zweitens völlig unlogisch, denn wenn ich einer Position entgehen möchte, in der ich diskriminiert werde, flüchte ich doch nicht, unter heftigsten körperlichen, psychischen und gesellschaftlichen Anstrengungen, in eine Position, in der ich womöglich NOCH mehr diskriminiert werde?

Carter stellt außerdem klar, dass es nicht plötzlich mehr Trans Menschen gibt, sondern sie nur immer sichtbarer werden, weil sie nach Jahrhunderten der Unterdrückung heute mehr Raum haben, an die Öffentlichkeit zu gehen. UND dass gerade Trans Menschen, die wissen wie schrecklich es ist, in einem falschen Körper gefangen zu sein, die allerletzten wären, die jemandem dieses Schicksal aufzwingen wollen.

 

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Außerdem: Für Männer, die Frauen missbrauchen wollen, gibt es leider unzählige Wege, dies zu tun. Die allermeisten davon dürften einfacher zu bewerkstelligen sein, als sich einem jahrelangen Geschlechtsumwandlungsprozess zu unterziehen.

3. “Es wäre natürlich einfacher, mit der Masse konform zu gehen, und mit den gesellschaftlich akzeptierten Hashtags um mich zu werfen, aber ich muss zu meiner Meinung stehen. Selbst wenn ich erlebe, wie Frauen, die ich bewundere, für ihre Meinung im Internet gemobbt werden. Keine der Gender-kritischen Frauen mit denen ich geredet habe, hasst Trans-Menschen.”

Öhm. Naja. Also die Frauen, mit denen sie sich öffentlich solidarisiert und die sie in diesem Artikel auch erwähnt, namentlich Maya Forstater und Magdalen Berns, twittern gern mal Statements wie: “Ihr seid keine Frauen. Ihr seid Männer, die einen sexuellen Kick davon kriegen, wie Frauen behandelt zu werden. F**t euch und eure dreckigen verf**kten Perversionen. Unsere Unterdrückung ist kein Fetish, ihr lächerlichen, kranken F**ks.**


Und wenn J.K. Rowling glaubt, dass eine Transfreundliche Haltung “mit der Masse konform geht”, dann lebt sie in einer Blase. Nicht umsonst kämpft die Trans- und LGBTQ Community nach wie vor gegen massivste strukturelle Diskriminierung in allen Lebensbereichen. Und, ob sie es nun bewusst oder unbewusst tut, benutzt J.K. Rowling gerade ihre mächtige Plattform dafür, eben diese Diskriminierung noch weiter anzufeuern.

 

Noch drei Fakten:

  • 41 % aller Trans-Menschen weltweit haben mindestens einmal versucht, sich das Leben zu nehmen (Quelle)
  • Jedes mal, wenn eine Person aus der LGBTQ Community physische oder verbale Gewalt erfährt, steigt die Chance um das 2,5fache, dass sie sich danach selbst verletzt. (Quelle)
  • Junge Menschen, deren sexuelle Orientierung von ihrer Familie verneint oder nicht akzeptiert wird, versuchen 8 mal häufiger sich das Leben zu nehmen, als in Familien, in denen sie akzeptiert werden. Ähnliches gilt für Trans-Gender Jugendliche (Quelle)

Sehr viele Jugendliche, die durch das Ordeal gegangen sind, nicht im richtigen Körper geboren worden zu sein, haben in der schwersten Zeit ihres Lebens Trost in einer Welt gefunden, die sie als inklusiv und liebevoll erlebt haben: In der Welt von Hogwarts. Gerade diesen Jugendlichen, den Verwundbarsten von allen, haben J.K. Rowlings Aussagen den Boden unter den Füßen weggezogen. Viele von Ihnen fühlen sich verraten und tief verletzt. Die Organisation Mermaids hat in einem eindringlichen Brief an J.K. Rowling publik gemacht, dass es Fälle von Selbstverletzungen und sogar von versuchten Suiziden gab, die eine direkte Reaktion auf Rowlings Aussagen waren.

Fazit: Ist J.K. Rowling transfeindlich? Soll ich jetzt meine Harry Potter Bücher verbrennen?

Ist J.K. Rowling transphob?
Keine Ahnung.
Ihre Aussagen sind es.
Kann man sie dafür verurteilen?
Transphobie ist eine Angst. Kann man jemanden für Angst verurteilen?
Grundsätzlich würde ich außerdem behaupten, ihre Aussagen klingen eher, als hätte sie eine grundlegende und tief empfundene Angst vor Männern. Mit ihrer Vergangenheit ließe sich das jedenfalls erklären. Aber das ist natürlich reine Küchenpsychologie meinerseits und tut auch eigentlich nichts zu Sache.

Der Punkt, den ich machen möchte, ist folgender:
Nicht jeder Mensch, den ich bewundere, sagt automatisch die Wahrheit.
Sowieso sieht jeder “die Wahrheit” grundsätzlich und ausschließlich basierend auf seinen eigenen Erlebnissen.
Deswegen ist es immer, immer gut, Aussagen die ich irgendwo höre, lese oder aufschnappe, erst mal auf ihre Richtigkeit zu prüfen, bzw. darauf, ob sie sich für mich persönlich als richtig herausstellen, und sie nicht einfach als meine Meinung zu übernehmen. Selbst, wenn ich die Person, die sie trifft, noch so sehr schätze.
Hass entspringt immer aus Angst – und Angst ist ein ganz schlechter Ratgeber. Sie lässt uns nie klar denken.
Menschen die nicht mehr klar denken können, lassen sich logischerweise durch logische Argumente nicht überzeugen. Sie brauchen Liebe und sie brauchen Sicherheit.
Beides kann ich für J.K. Rowling und ihre Befürworter gerade nicht aus dem Hut zaubern. Leider.
Aber: ihre Bücher zu verbrennen und sie zu beschimpfen, kommt der Welt mit Sicherheit nicht zugute.

Sowieso: BÜCHER verbrennen.
Geht’s noch?!?!?

Zum Abschluss noch ein Kommentar von Harry Potter himself, Daniel Radcliffe (der sich seit Jahren sehr aktiv zu dem Thema engagiert):

“To all the people who now feel that their experience of the books has been tarnished or diminished, I am deeply sorry for the pain these comments have caused you. I really hope that you don’t entirely lose what was valuable in these stories to you. If these books taught you that love is the strongest force in the universe, capable of overcoming anything; if they taught you that strength is found in diversity, and that dogmatic ideas of pureness lead to the oppression of vulnerable groups; if you believe that a particular character is trans, nonbinary, or gender fluid, or that they are gay or bisexual; if you found anything in these stories that resonated with you and helped you at any time in your life — then that is between you and the book that you read, and it is sacred.”

 

*Titelfoto by Mateus Campos Felipe on Unsplash