Noch einmal ein herzliches Willkommen, an all euch, die ihr Coronabedingt dieses Jahr auf eure (Flug-) Reisen verzichten müsst.
So grämet euch nicht.
Wie ich schon in meinem letzten Post verkündete:
Dieses “Reisen” war beizeiten des Stresses voll.

Oder anders ausgedrückt:

Vergesst bei all eurer Reisenostalgie nicht, dass Reisen auch manchmal voll nach hinten losgehen kann! Vor allem, wenn man mit einem speziellen Trip ungefähr zweitausend Erwartungen und Kindheitsträume verbindet. Dann hat das Ding so richtig das Potenzial, mit Karacho in sich zusammenzukrachen. So wie mein Geburtstagsgeschenk im letzten Jahr:

Ein Pärchentrip ins Disneyland zur Adventszeit.

Uuuuuh. So romantisch. So weihnachtlich. So streeeeesssiiiiiiig!

Akt I, die Vorbereitung, findet ihr hier. Und jetzt los mit:

Akt zwei: Disneylaaaaaand!

 


Szene 1: Warum tragen die alle Turnschuhe?

Als wir um viertel nach zehn zusammen mit allen anderen regulären Besuchern nach der Magic Hour (die wir ja leider umsonst bezahlt haben, siehe letzter Post) endlich die heiligen Tore zum “happiest place on Earth” durchschreiten und in der Main Street ankommen, muss ich mich kurz orientieren. Alles glitzert und blinkt und dudelt – und Chris steht mit der Kamera 20 cm neben mir, um meinen vermeintlich total verzauberten Gesichtsausdruck für die Nachwelt einzufangen. Immerhin ist das hier mein Kindheitstraum, ne? Ich grinse also angemessen beglückt in die Kamera, während ich im Kopf versuche zu kalkulieren, ob ich eher zu dick oder zu dünn angezogen bin. Es herrscht Nieselregen bei 9 Grad und die Stadt der Liebe zeigt sich in dieser zweiten Adventswoche nicht von ihrer besten Seite. Um uns herum trotzdem lauter Menschen in Turnschuhen und ich überlege, dass Turnschuhe vielleicht die bessere Wahl gewesen wären als meine klobigen gefütterten Lederboots mit drei Paar Wollsocken. Schließlich werden wir den ganzen Tag auf den Beinen sein. (Spoiler: Ich werde noch sehr froh über meine Stiefel sein!)

Als ersten Schritt überhaupt holen wir unseren Disney Disability Pass. Da ich über einen Behindertenausweis verfüge, habe ich hier den absoluten Jackpot gezogen, denn ich darf mir einen Pass abholen, mit dem wir nirgendwo Schlange stehen müssen. Im Disneyland ist das mehr Wert, als eine Umarmung von Elsa persönlich.

Disney Frozen Musical im Disneyland Paris

Doch, wirklich.

Szene 2: Don’t go on this ride if you suffer from Motion sickness

Von unserem stressigen Tagesbeginn ziemlich Adrenalinverseucht, fällt es uns schwer anzukommen und abzuschalten. Ich würde am Liebsten mein Standard-Urlaubs-Programm abziehen und mich irgendwo in die Ecke setzen, etwas Trinken und Menschen beobachten. Aber: DISNEYLAND! WIR KÖNNEN DOCH KEINE ZEIT VERSCHWENDEN! SO VIEL ZU SEHEN UND ZU TUN! Am besten erst mal Fast Tickets für Peter Pan holen? Fühle mich überfordert. Chris zieht an meinem Arm. “Können wir bitte erst mal in den Star Wars Simulator? Bittebitte? Das ist das Einzige an was ich mich von meinem Besuch hier mit acht Jahren noch genau erinnere!” Na dann.

Nach wir an unserer ersten Schlange vorbei gegangen sind (Schlange stehen ist ein sehr, sehr beliebter Sport hier im Disneyland) bekommen wir unsere 3D-Brillen ausgehändigt und werden in einem kleinen Kinosaal angeschnallt. In den nächsten drei Minuten habe ich Gelegenheit, etwas Neues über mich zu lernen: Ich leide anscheinend unter “Motion Sickness”. Zu Deutsch: Ich habe die “Bewegungskrankheit”. Während wir durch’s All geschleudert werden, muss ich mich heftig zusammenreissen, um nicht in den Simulator zu kotzen.

 

und er hat mich noch gewarnt. Sorry Little Dude. Nicht gewusst.

 

Szene 3: Komm raus Magie, du bist umzingelt!

Noch ganz grün im Gesicht wanke ich weiter zum Dornröschenschloss. Ich will dann jetzt diesen Drachen sehen. Ein bekannter Disneyblog pries den Drachen als das absolute Oberhighlight des Disneyland Paris an und wenn man von dem Freizeitpark nicht total bezaubert wäre, könnte es eigentlich nur daran liegen, dass man den Tag nicht mit dem Drachen gestartet hätte.

Wir also ab zum Drachen. Der Drache lebt in einer Höhle und ist ein Meisterwerk der Animationstechnik. Heisst: Er kann sich bewegen und sieht sehr echt aus. Um ihn rum dampft Rauch in die Luft, um mich rum fangen kleine Kinder an zu weinen. Ich: möchte gerne verzaubert sein und bin es nicht. Scheiße ey, bin ich zu alt für Disneyland? Ich unterdrücke diesen Gedanken und versuche, mich krampfhaft auf die Magie zu konzentrieren. Allerdings ist mir immer noch schlecht von dem verdammten Galaxieshuttle.

 

Tja, manchmal fühlt es sich an wie verhext! (Höhö)

 

Wir klettern auf den Dornröschen Turm und schauen uns das Fantasia Land von oben an. Neben dem Karussell werden Minnie Maus Ohren für 22,90 Euro verkauft, die ich bei Amazon für 2,99 gesehen habe. Ein etwa 3-jähriges Mädchen steht davor und brüllt, SIE WILL SOLCHE OHREN. Mama daneben schüttelt verzweifelt den Kopf. Ich schicke ein Dankgebet gen Himmel, dass der Puck nicht dabei ist. Gleich darauf bin ich ganz traurig, dass der Puck nicht dabei ist, als ich ein anderes kleines Mädchen in voller Prinzessinnenmontur sehe, die offensichtlich riesigen Spaß daran hat, auf ihren echten Stöckelschuhen umherzukraxeln. Man, das würde Puck aber auch Spaß ma..- RUMMS. Das Mädchen tritt auf ihren wallenden Kleidersaum und knallt auf ihr Kinn.

 

Szene 4: I will never grow up, Wendy. Never, never!

Wir schlendern zu Peter Pan (oder zumindest tun wir so, als würden wir schlendern. Innerlich hetzen wir immer noch). Wie bereits auf unseren Recherchen bekannt, handelt es sich um die beliebteste Attraktion des Parks und die Reihe ist jetzt schon ca. 2 Stunden lang. Mit meinem Zauberpass stellen wir uns in die Disability-Reihe (die auch schon 20 Minuten lang ist) und schwuppdiwupp fliegen wir durch Nimmerland. In einem kleinen Boot, dass durch eine Holzlandschaft ruckelt. Links und rechts stehen beleuchtete, animierte Figuren und winken, wir fahren durch Wendys Kinderzimmer und an Käptn Hook vorbei. Peter Pan ist immer eine meiner Lieblingsgeschichten gewesen und als ich die Musik höre, freue ich mich über die Erinnerungen , kann aber einen zweiten, undankbaren Gedanken nicht unterdrücken, der sich fragt: “Und DARAUF warten die jetzt alle zwei Stunden lang?”

Zwei Minuten später ist die Fahrt vorbei und mir wird bewusst, was eigentlich mein Problem ist: Ich hatte eine KOMPLETT falsche Vorstellung vom Disneyland. In meinem Kopf war das Disneyland immer ein riesiger Abenteuerspielplatz, ein Ort, um die Fantasie anzuregen und sich auszutoben, während man von der Magie der Disneyfilme umfangen wird. Mir war nicht bewusst, dass es sich eigentlich um das genaue Gegenteil handelt: man sitzt still, wird passiv unterhalten und viele Attraktionen haben auch nur einen entfernten Bezug zu den Helden meiner Kindheit.

 

Szene 5: Aladdin und Captain Jack Sparrow retten den Tag.

Mittlerweile ist es Zeit für unser vorher arrangiertes Buffet Mittagessen in Aladdins Wunderhöhle: Schon vor einem Monat habe ich den letzten verfügbaren Termin im Aggrabah Café ergattert (laut Meinung des Internets eine der wenigen Anlaufstellen für vernünftiges Essen im Park) und um kurz nach halb zwölf stehen wir mit unseren Tellern in der Buffetschlange. Für 34,90 Euro pro Person inkl. Getränk ist das Preis-Leistungs-Verhältnis hier tatsächlich noch einigermaßen erträglich (auch wenn die Familie vor uns, die den gleichen Preis für ihre beiden Kleinkinder zahlen müssen, das vermutlich anders sieht) und ich bin total überrascht davon, dass das Essen richtig gut ist. (Es hilft außerdem, dass wir aus unserem Angebot ja diesen 200 Euro Gutschein haben, wir zahlen also nichts für das Essen).

Doch, wir waren nur zu zweit, warum?

 

Restaurant Aggrabah Disneyland

Ein gelungenes Theme. Hab mich gefühlt wie in Marokko.

Ein voller Bauch hat bei mir schon seit je her dazu geführt, dass ich meine Umwelt sehr viel wohlwollender betrachte, und so gehe ich denn auch den Nachmittag mit wesentlich mehr Spaß an. Nachdem ich verstanden habe, dass es hier nicht darum geht, sich selbst Geschichten auszudenken, sondern sich von animierten Figuren zu Musik zuwinken zu lassen, kann ich mich mental auch besser darauf einstellen was hier los ist – und bin dann auch von ein paar der Attraktionen tatsächlich richtig begeistert. Den Rest des Nachmittages schippern wir abwechselnd an Jack Sparrow vorbei durch die Piratenlagune und durch die Small World an lauter tanzenden kleinen Puppen, bei denen ich zum ersten mal an diesem Tag so richtig traurig bin, dass mein Puck nicht dabei ist. Allerdings lässt dieses Gefühl immer schnell wieder nach, wenn wir wieder mal einer Familie in der Konstellation weinendes Kind/schreiende Eltern begegnen. Wahlweise werden schlafende Kinder von müde wirkenden Eltern im Kinderwagen durch den Park gefahren. Gegen 16 Uhr sehe ich eigentlich kaum noch wache kleine Kinder. Zwei mal ziehen wir Fast Pass Tickets für Peter Pan (die wir ja nicht brauchen) und verschenken sie dann an eine Mutter, die mit ihrem Kind ganz hinten in der Schlange steht. Das dankbare Lächeln ist eins meiner Tageshighlights.

Disneylandattraktion it's a small world

“Iiiit’s a small world aaaafter all!” Ka CHING, Ohrwurm verteilt, gern geschehen. (ist ein Insider, für alle, die schon mal da waren).

Szene 6: “It’s maaaaaagical, Mickey!”

Wir stehen auf einer Mauer. Gerade ist ein riesiger Plastikschlitten mit einem Plastik-Weihnachtsmann an uns vorbei gefahren. Vorne drauf standen Mickey und Minnie in Weihnachtskostümen und winkten. Elfen und Lebkuchenmänner tanzten hinterdrein. Minnie kreischte “Isn’t it maaaaaagical, Mickey?” und drehte sich kichernd um sich selbst. Die Zuschauer applaudierten. Hinten im Park öffnet sich ein Tor und die ganze Prozession choreografiert sich aus dem Park. Die Weihnachtsmusik dreht noch einmal voll auf und verklingt dann. Das Publikum zerstreut sich. Der verrückte Hutmacher kommt vorbei und winkt uns zu. Dann kommt ein Wachmann vorbei und holt uns von der Mauer. Ups.

Chris und ich schauen uns hilflos an. Ich wünsche mir verzweifelt wenigstens ein klitzekleines bisschen Schnee. Disneyland zur Adventszeit hatte ich mir so zauberhaft vorgestellt. Aber statt verzaubert komme ich mir eher verarscht vor. Sind wir denn die Einzigen hier, die sich nicht “maaaaagical” fühlen? Ich traue mich kaum, Chris meine Gedanken anzuvertrauen, schließlich hat er mir all das hier geschenkt – aber dann tue ich es doch.
“Ich komme mir vor, wie in der Matrix”, gestehe ich ihm.
“Es ist, als hätten alle hier eine Pille bekommen, die ihnen ein Gefühl von Glückseligkeit einflößt – nur ich hab die Pille verpasst!” Ich kann kaum beschreiben, wie erleichtert ich bin, als Chris anfängt zu lachen und sagt, dass es ihm genauso geht.

Kurz vor Anbruch der Dunkelheit sehen wir aber unsere zweite Parade und diesmal verstehe ich den Zauber besser. Während Peter Pan auf einer überdimensionalen Schiffschaukel ganz nah an uns vorbeisalutiert und ein riesiger Drache feuerspeiend hinterdrein, geht im Park die Sonne unter. (Das erste mal an diesem Tag, dass nicht alles vor dem Hintergrund eines grau grau in grauen Himmels stattfindet).

Disneyland Paris Parade Peter Pan

auch wenn ich das Meiste nur auf meinem iPhone Bildschirm sehen konnte. Stand leider bisschen weit hinten.

Disneyland Paris Parade Drachen

Und langsam fühle selbst ich mich auch, zumindest ein wenig, angezaubert. Außerdem ist die Musik diesmal viel besser. Zufrieden erklettern wir ein gewaltiges Baumhaus aus Plastik und als wir danach auf einer Hängebrücke stehen und mit dem Puck telefonieren, haben wir Schwierigkeiten, den Tag in Worte zu fassen.
“Ich hab heute gemalt und war in der Kita. Und was habt ihr gemacht?”
“Wir haben Piraten gesehen und waren in der Drachenhöhle. Wir sind mit dem Boot durch eine Welt voller Puppen gefahren und kommen jetzt gerade von einem riesigen Baumhaus!” Ich muss zugeben, es klingt magisch. Ich hab schon wieder ein schlechtes Gewissen, dass wir uns hier vergnügen, ohne das arme Kind…-
“Wart ihr wirklich beim Drachen?”, ist das Einzige, was Puck wissen will. “Da komme ich nie mit!”

 

Szene 7: Disney – Wo die Magie dir ins Gesicht explodiert!

Es ist sechs Uhr Abends und wir sind fix und fertig. Eigentlich dachten wir, dass die Leute hier alle auf eine Parade warten, aber als wir uns dazu stellen und außer immer mehr hinzuströmenden Menschenmassen nichts Weiteres passiert, merken wir, dass alle hier schon für die Lichtershow anstehen. Der Park um uns herum schließt nach und nach die Pforten und wir entscheiden uns, dann eben auf unserem echt guten Platz hier stehen zu bleiben und die verbleibenden 45 Minuten Wartezeit zu nutzen, um zu picknicken. Hab zwar schon mal gemütlicher gepicknickt als bei 7 Grad und Nieselregen, aber meine Füße freuen sich einfach nur über die Ruhe. Ich hab das Gefühl, ich bin einen Marathon gelaufen (und das bin ich vermutlich auch) aber ich war selten glücklicher über meine gefütterten Winterboots und drei paar Wollsocken. Bei gekochten Eiern und Maiscrackern kuscheln wir uns gemütlich zusammen und haben es dann sogar noch ziemlich romantisch.

Plötzlich erstrahlt alles vor uns in gleißendem Licht und das Dornröschen-Schloss geht in Flammen auf. Und man kann über Disney sagen, was man will – aber Feuerwerke? Können sie.