Du bist 19 Jahre alt, verlierst beide Eltern, hast kein Geld und ziehst zu psychopathischen Verwandten auf eine heruntergekommene Farm? Herzlichen Glückwunsch, hier kommt deine Chance, zu Glänzen!

Doch doch, mein ich ernst.

In diesem Artikel möchte ich euch am Beispiel von dem sehr, sehr lustigen Buch Cold Comfort Farm einmal kurz aufzeigen, wie man das absolut Beste aus jedem Umstand rausholen kann. Stoische Gelassenheit und die Weigerung, sich irritieren zu lassen, können uns ja allen grad ganz gut tun. Viel Spaß.

Nachdem ich mich in das letzte Buch der 100Bücher Liste sehr verliebt hatte (hier geht es zur Rezension von I capture the castle), bin ich direkt zu einem Buch aus dem vermeintlich gleichen Genre gesprungen. Als ich mit Cold Comfort Farm anfange, hab ich keine Ahnung worum es geht, nur dass die Geschichte in den 30ern auf dem Land in England spielt. Dass es sich um eine Satire handelt, bekomme ich erst später mit. Deshalb bin ich auch erstmal irritiert von Flora Poste, unserer Titelheldin und brauche einen Moment, um mich in die Geschichte einzufinden. Aber schon bevor die erste Hälfte um ist, bin ich zum beinharten Flora-Fan geworden. Was für eine Frau!

Worum geht’s? Auftritt Flora Poste

Flora Poste ist ein absurdes junges Ding. Nach dem Tod ihrer Eltern steht sie mit 19 Jahren alleine da; ohne Geld, ohne besondere Talente, zwar mit sehr guter Ausbildung aber leider nicht in irgendwelchen Bereichen, die sich zum Geldverdienen eignen. So zieht sie denn, quasi mittel- und hoffnungslos, wie man meinen sollte, zu Verwandten auf’s Land, namentlich auf die Cold Comfort Farm. Und, wie der Name schon andeutet, entpuppt sich der dort lebende Zweig ihrer Familie als ein Haufen gewalttätiger Irrer. (Es gibt eine schöne Szene, in der sich zwei von Floras Cousins darum streiten, wer beim Brunnenbau den letzten Ziegel legen darf. Der Streit wird entschieden, in dem der Eine den Anderen in den Brunnen stößt und ihn mit Ziegeln bewirft.)

So weit so gut. Hier bietet sich die perfekte Ausgangssituation für eins der in dieser Gattung damals so beliebten Dramen (ich erinnere mich mit Grauen an das fürchterliche Buch Tess of the D’Urbervilles, wuaaah). WENN nicht – Flora sich diese Situation genau so ausgesucht hätte. Denn statt, wie von ihrer besten Freundin vorgeschlagen, bei dieser zu bleiben und einen Beruf zu lernen (Sekretärin beispielsweise), wählt sich Flora aus einem ganzen Wust von Verwandten genau diejenigen aus, die sich am unattraktivsten anhören. Denn Flora hat ein Hobby: sie räumt gern im Leben anderer Menschen auf. Und genau das hat sie jetzt auch auf der Cold Comfort Farm vor.

“When I have found a relative who is willing to have me, I shall take him or her in hand, and alter his or her character and mode of living to suit my own taste.”

Gesagt, getan. So setzt sich Flora in den Zug, verabschiedet sich kurz und schmerzlos von ihren Freunden (eine meiner Lieblings-Szenen im Buch, genau mein Humor. Siehe nächstes Zitat. So mache ich das beim nächsten Mal auch, wenn es bei irgendwelchen Besuchen wieder droht, ein großes Abschiedsgeheule zu geben) und macht sich auf den Weg nach Sussex zu ihren bekloppten Verwandten.

“Good-bye. Don’t forget to feed the parrot!” shrieked Flora, who disliked the prolongation of the ceremony saying farewell, as every civilised traveller must.

“What parrot?” they all shrieked back from the fast-receding platform, just as they were meant to do.

But it was too much trouble to reply. Flora contented herself with muttering, “Oh any parrot, bless you all.”

Diesen staubtrockenen Humor verliert Flora auch den ganzen Rest des Buches nicht. Und so wird der Leser köstlicherweise direkter Zeuge davon, wie ein Grusel nach dem anderen sich an Floras stoischer Gelassenheit und perfekter britische Höflichkeit die Zähne ausbeisst. Die Cold Comfort Farm hat ihre besten Tage seit langer Zeit hinter sich (wenn sie denn je welche hatte) und wie es sich für einen typischen Roman des parodierten Genres damals gehörte, hat jeder Bewohner einen tief sitzenden psychischen Schatten. Jede andere Romanheldin wäre spätestens auf Seite 100 mit den Nerven am Ende und mindestens auf männliche Rettung angewiesen. Nicht so Flora.
Flora. Ist. Ein. Rockstar.

Im Folgenden wollen wir uns eine Auswahl von Floras männlicher Verwandtschaft einmal genauer ansehen. Und Floras Reaktion darauf. Wir können alle von ihr lernen.

Wir sollten alle ein bisschen mehr Flora in uns haben.

 

Wie man mit bekloppten Verwandten umgeht Part 1: Der heiße Cousin

Floras Cousin Seth ist der heißeste Hengst im Stall. Mindestens vier uneheliche Kinder hat er schon gezeugt und alle Frauen im Dorf sind ihm verfallen. Wohin er auch geht, versprüht er Pheromone.

“Aye … woman’s nonsense,” said Seth, softly. (Flora wondered why he had seen fit to drop his voice by half an octave.) “Women are all alike — ay fussin’ over their fal-lals and bedazin’ a man’s eyes, when all they really want is man’s blood and his heart out of his body and his soul and his pride . . .”

“Really?” said Flora, looking in her work-box for her scissors.

“Aye.” His deep voice had jarring notes which were curiously blended into an animal harmony like the natural cries of stoat or weasel. “That’s all women want—a man’s life. Then when they’ve got him bound up in their fal-lals and bedazin’ ways and their softness, and he can’t move because of the longin’ for them as cries in his man’s blood — do you know what they do then?”

“I’m afraid not,” said Flora. “Would you mind passing me that reel of cotton on the mantelpiece, just by your ear? Thank you so much.” Seth passed it mechanically, and continued.

“They eat him, same as a hen-spider eats a cock-spider. That’s what women do—if a man lets ’em. “

“Indeed,” commented Flora.

“Aye—but I said ‘if’ a man lets ’em. Now I—I don’t let no women eat me. I eats them instead.”

Flora ist mit Seths Verhalten durchaus vertraut, auch wenn die Männer ihres sozialen Zirkels normalerweise nicht ganz so unverblümt agieren.

True, in Cheltenham and Bloomsbury gentleman did not say in so many words that they ate women in self-defence, but there was no doubt that was what they meant.

Und so lässt sie ihn sehr höflich und zivilisiert aufs Allerfeinste ins Leere laufen. (Es ist wunderschön mit anzusehen. Herzerwärmend für all jene Damen, die schon mal im Gedrängel einer Disko an der Theke in die Konversation mit einem Männchen auf der Pirsch verwickelt wurden und dabei demonstrativ knapp an seiner Schulter vorbei starren mussten.)

“I’ll lay you don’t understand half of what I’ve been saying, do you?… Liddle innocent.”

“I am afraid I wasn’t listening to all of it”, she replied, “but I am sure it was very interesting. You must tell me all about your work some time… What do you do, now, on the evening, when you aren’t – er- eating people?”

 

Wie man mit bekloppten Verwandten umgeht Part 2: Der aggressive Cousin

Als Flora auf der Farm ankommt, eine privilegierte junge Frau aus London, muss sie sich damit abfinden, dass all ihre gewohnten Annehmlichkeiten nun der Vergangenheit angehören
– oder muss sie? Nö.
Während die Bewohner der Farm daran gewöhnt sind, sich Morgens und Abends jeweils für 20 Minuten zu einem hastig heruntergeschlungenen Mahl zu treffen (bei dem sie sich nur mit Mühe nicht gegenseitig umbringen), führt Flora kurzerhand den Afternoon Tea auf der Farm ein.

A shadow darkened the door and there stood Reuben, looking at Flora’s gallant preparations with an expression of stricken amazement mingled with fury.

‘Hullo’, said Flora, getting her blow in first. “I feel sure you must be Reuben. I’m Flora Poste, your Cousin, you know. How do you do? I’m so glad to see somebody has come in for some tea. Do sit down. Do you take milk? (No sugar… of course… or do you? I do, but most of my friends don’t.)’

(…)

He stood at the table facing Flora and blowing heavily on his tea and staring at her. Flora did not mind. It was quite interesting: Like having tea with a rhinoceros.

Ich hab mir vorgenommen, dass ich das jetzt auch so mache, sollte ich mich mal wieder in einer Situation wiederfinden, in der ich mich in der Gegenwart von jemand Anderem normalerweise so richtig unwohl fühlen würde: Ich stelle mir einfach vor, ich trinke Tee mit einem Nashorn. Problem gelöst.

 

Wie man mit bekloppten Verwandten umgeht Part 3: Der Hassprediger-Onkel

Geleitet wird die Cold Comfort Farm von Floras Onkel Adam, der seine Freizeit nutzt, um als Sektenprediger den Mitgliedern seiner Gemeinde die ewige Verdammnis anzupreisen.

“They’ll all burn in hell,” added Amos in a satisfied voice, “and I mun surely tell them so.”

“Well, may I come too?”

He did not seem surprised. Indeed, she caught in his eye a triumphant light, as though he had been long expecting her to see the error of her ways and come to him and the Brethren for spiritual comfort.

“Aye… ye can come… ye poor miserable creeping’ sinner. Maybe ye think ye’ll escape hell fire if ye come along o’ me, and bow down and quiver. But I’m tellin’ ye no. ‘Tes too late. Ye’ll burn wi’ the rest.”

Floras Interesse ist geweckt und kurzentschlossen begleitet sie ihn zu einem seiner Gottesdienste.

For some three minutes he slowly surveyed the Brethren, his face wearing an expression of the most profound loathing and contempt, mingled with a divine sorrow and pity. He did it quite well. Flora had never seen anything to touch it except the face of Sir Henry Wood when pausing to contemplate some late-comers into the stalls at the Queen’s Hall just as his baton was raised to conduct the first bar of the “Eroica”. Her heart warmed to Amos. The man was an artist.

Derart mit Talenten ausgestattet, gibt es für ihren Onkel Amos eigentlich nur einen folgerichtigen Karriereweg, findet Flora: Sie überredet ihn, sich ein Auto zu kaufen, um als Wanderprediger noch vielen Tausenden anderen Menschen ihre bevorstehenden Höllenqualen schmackhaft zu machen. Dieser ziert sich zuerst, denn wiewohl er durchaus einsieht, dass so viele Menschen wie möglich in den Genuss seiner Predigten kommen sollten, fürchtet er gleichzeitig, dass er damit seiner eigenen Eitelkeit Ausdruck verleihen würde. Und ist Stolz nicht schließlich eine Todsünde?

Flora was surprised to find him so astute, but reflected that religious maniacs derived considerable comfort from digging into their motives for their actions and discovering discreditable reasons which covered them with good, satisfying sinfulness in which they could wallow to their hearts’ content.

 

Darf ich vorstellen: Humor.

An dieser Stelle müssen wir unseren Ausflug in Floras interessante Verwandtschaft leider beenden, auch wenn es noch Tonnen mehr zu lernen gäbe. Aber erstens sollt ihr ja auch noch ein paar Überraschungen erleben, wenn ihr euch entscheidet, Cold Comfort Farm zu lesen (was ich euch schwer empfehlen möchte) und zweitens steht seit ein paar Minuten ein unnachgiebiges vierjähriges Mädchen neben mir, dass “jetzt endlich auch mal am Computer arbeiten will, Mama!” und man kann sich nur für eine sehr kurze Zeit noch auf sein Gehirn konzentrieren, wenn man alle zehn Sekunden von einem Kind unterbrochen wird. Aber wem erzähle ich das.

Und bei euch so? Schöne Grüße an alle, deren Kinder gerade zuhause sind (also ganz Deutschland). Homeoffice läuft bestimmt knallermäßig.

Bleibt gesund und vergesst nicht zu lachen. Humor stärkt das Immunsystem!

Ihr seht: Frau Sekretärin Puck hat wichtige Termine abzuklären.