Vor laaaaanger Zeit, als dieser Blog noch 100 Bücher hieß, da gab es mal diese Liste mit 100 Büchern, die ich lesen wollte. Ich tat das auch jahrelang sehr motiviert, dann kam das Leben dazwischen, Berlin, ein Kind, viel Reisen, coole neue Teeniebücher, man kennt das ja. Letzte Woche saß ich aber neben meiner kleinen, gar nicht mehr so kleinen, Tochter, die sich plötzlich mit sich selbst beschäftigte (woah!) und erinnerte mich an meine Liste. Da ich sie allerdings nicht mehr, wie es früher jahrelang meine Gewohnheit war, ausgedruckt in meinem Portemonnaie hatte, googelte ich mal gaaanz smooth meinen eigenen Blog und tippte blind auf eins der Bücher, das ich dann direkt auf meinen Kindle lud und mit Feuereifer begann zu lesen. Denn wer weiss schon jemals, wie lange sich ein 4 Jähriges Kind alleine beschäftigt?! Erstaunlich lange, stellte sich heraus.

Lange genug, um mich mit Leib und Seele in ein heruntergekommenes Schloss auf dem Land im England der 30er Jahre zu verlieben – denn dort spielt “I capture the Castle” von Dodie Smith. Als der Puck mich schließlich unterbricht, bin ich richtig desorientiert, so sehr war ich in die Beobachtungen Cassandras abgetaucht, der 17-jährigen angehenden Schriftstellerin, die hier, in einem abgewetzten Notizbuch, ihre Beobachtungen mit uns teilt. Viele Jahre zuvor war Cassandras Familie mal reich, doch seit ihr Vater verdächtigt wurde, die Mutter mit einem Tortenheber erstechen zu wollen und daraufhin ein paar Monate im Gefängnis verbringen musste, leidet er, der einst erfolgreiche Schriftsteller, unter einer heftigen Schreibblockade. Wir treten in Cassandras Leben, als die Familie keine wertvollen Möbel mehr besitzt, die sie noch verticken könnte und sich, bei genauerer Betrachtung, eigentlich nicht mehr sehr weit weg vom totalen Desaster befindet.

“Goodness, Topaz is actually putting on eggs to boil! No one told me the hens had yielded to prayer. Oh, excellent hens! I was only expecting bread and margarine for tea, and I don’t get as used to margarine as I could wish. I thank heaven there is no cheaper form of bread than bread.
How odd it is to remember that “tea” once meant afternoon tea to us – little cakes and thin bread-and-butter in the drawing room. Now it is as solid a meal as we can scrape together, as it has to last us til breakfast.”

Mit einem mental abwesenden Vater, einer verstorbenen Mutter, ohne Essen und zentrales Heizsystem in einem kalten Steinbau im Winter – was heute sicherlich ein Fall für’s Jugendamt wäre, verzaubert sich unter Cassandras Feder – Tschuldigung, ihrem Bleistiftstummel – in das liebenswerte und brüllend komische Porträt einer exzentrischen Künstlerfamilie, in der jeder einzelne Charakter so plastisch beschrieben ist, dass ich mich noch Tage danach so fühle, als würden sie mit mir am Tisch sitzen. (Ich habe wirklich, wirklich versucht, langsam zu lesen und mir das Buch aufzusparen. Aber am zweiten Abend KONNTE ich es dann nicht mehr zur Seite legen und musste die Nacht durchlesen. Und das ist mir wirklich schon ewig nicht mehr passiert!)
Und außerdem lässt Cassandra ihre ganze, strahlende Zufriedenheit auf den Leser übergehen, und diese Zufriedenheit wird jeder Mensch, der ohne Schreiben nicht leben kann (Hallo an alle Blogger!), nachvollziehen können.

“I finish this entry sitting on the stairs. I think it is worthy of note that I never felt happier in my life – despite sorrow for Father, pity for Rose, embarrassment about Stephens poetry and no justification for hope as regards our family’s general outlook. Perhaps it is because I have satisfied my creative urge; or it may be due to the thought of eggs for tea.”

Und so ganz auf sich allein gestellt sind Cassandra und ihre beiden Geschwister mittlerweile nicht mehr, denn es gibt im Schloss auch noch eine Stiefmutter. Und wenn diese Stiefmutter nicht zu den faszinierendsten Charakteren gehört, die ihr je in einem Buch gefunden habt, dann müsst ihr mir dringend mal eure Leseliste verraten.

“Three years ago (or is it four? I know father’s one spasm of sociability was in 1931) a stepmother was presented to us. We were surprised. She is a famous artists’ model who claims to have been christened Topaz – even if this is true, there is no law to make a woman stick to a name like that.”

Topaz sieht sich selbst als Muse talentierter Männer und Cassandras Vater ist ihr dritter Ehemann. Während sie allerdings ihre Freizeit darauf verwendet, nackt “mit der Natur zu kommunizieren” oder in ihrem Schlafzimmer die Laute zu spielen und schlechte Bilder zu malen, hat sie doch einen bewundernswert klaren Kopf, wenn sie ihn braucht, und hält mit ihrer mütterlichen Wärme und ihren haushälterischen Fähigkeiten die ganze Familie am Laufen.

“Really, the puzzlingness of people!”

Es ist unter anderem solche charakterliche Vielschichtigkeit, die dem Buch seinen hohen Wohlfühlfaktor geben. Es zu lesen ist, wie auf einer Blumenwiese in der Sonne zu liegen – man kann einfach nicht aufhören zu grinsen. Kennt man den Hintergrund des Buches (Dodie Smith schrieb die Geschichte im zweiten Weltkrieg in den USA, wo sie sich nach Ihrer Heimat und friedlicheren Zeiten zurücksehnte), so ist es kein Wunder, dass sie sich die größte Mühe gibt, ihr geliebtes England für den Leser und sich selbst wieder auferstehen zu lassen. Und es funktioniert.
An einer Stelle zählt Cassandra sogar die Gerüche auf, die sie gerade riecht (Stroh, Heu, Rauch, Pferde, Hühner, alter Kohl, einen wundervollen Kuchen, der irgendwo gebacken wird)… man macht quasi einen Landspaziergang durch die Buchseiten. Und da die Geschichte über die Spanne eines Jahres erzählt wird, kommt der Leser in den Genuss der wechselnden Jahreszeiten – und Cassandra sorgt dafür, dass es fast so ist, als wäre man live dabei. Ich halte es mal für euch fest, dann könnt ihr auch einen kleinen mentalen Kurzurlaub machen und vom Winter in den Frühling wechseln.

Also, wir starten hier.

“Beyond the moat, the boggy ploughed fields stretch to the leaden sky. I tell myself that all the rain we have had lately is good for nature, and that at any moment spring will surge on us. I try to see leaves on the trees and the courtyard filled with sunlight. Unfortunately, the more my mind’s eye sees green and gold, the more drained of all colour does the twilight seem.”

Aber DANN! BaddaBING!

“Oh it was the most glorious morning! I suppose the best kind of spring morning is the best weather God has to offer. It certainly helps one believe in him.”

Hach! Ist hier auch bald so weit, versprochen!

 

Tjaaa… jetzt ist der Post schon so lang und ich hab eigentlich noch gar nichts von der Geschichte erzählt. Aber wenn ihr jetzt nicht schon in den Startlöchern sitzt, um in Cassandras Welt abzutauchen, dann weiss ich auch nicht. Also mache ich es kurz. Es geht um Liebe und menschliche Schwächen, um Erwachsenwerden und das Wetter und das wunderschöne Schloss und es geht ziemlich viel um Rose. Rose ist Cassandras große Schwester, und sie hat sich in den Kopf gesetzt, alles zu tun, um aus der verhassten Armut zu entfliehen. Nachdem sie knapp davon überzeugt werden kann, nicht auf der Straße ihren Körper zu verkaufen, entscheidet sie sich stattdessen, dem Teufel ihre Seele zu anzubieten.

‘Stephen’, she said, ‘you go to church. Do they still believe in the devil there?’
‘Some do’, said Stephen, ‘though I wouldn’t say the vicar did.’
‘The devil’s out of fashion’, I said.
‘Then he might be flattered if I believed in him – and work extra hard for me. I’ll sell him my soul like Faust did.’
‘Faust sold his soul to get his youth back,’ said Thomas.
“Then I’ll sell mine to live my youth while I’ve still got it.”

Und es sieht aus, als würde Rose’s Idee funktionieren.

Uuuuund: Schnitt! Den Rest müsst ihr selber lesen! Haaach, viel Spaß. Geniesst es.

 

Ach, und wenn ich euch schon nicht überzeugen konnte – vielleicht kann es J.K. Rowling?

“This book has one of the most charismatic narrators I’ve ever met.”

Na jetzt aber los.