“Boah, musst du aber brav gewesen sein”, grinse ich den Puck an, als sie ein Teil nach dem anderen aus ihrem Stiefel holt. (“Sogar Mandarinen, Mama, die waren früher soo selten!”)
Puck nickt. “Ja Mama, aber du warst ein böses Kind.”

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“Ich war ein böses Kind?”
“Ja, weil der Nikolaus dir doch mal eine Rute gebracht hat.”

Stimmt. Der Nikolaus hat mir mal eine Rute gebracht. Und nichts dazu. Als Erwachsene habe ich diese Geschichte letztens dem Puck erzählt, augenzwinkernd, wie ich meinte. “Ja, haha, muss ich wohl ganz schön frech gewesen sein.” Als Kind fand ich es damals nicht so witzig. Gar kein bisschen, um genau zu sein, ich kann mich noch genau daran erinnern, wie die Erkenntnis erst so ganz langsam einsickerte, dass da in meinen Mäusepuschen wirklich nichts anderes war, als ein Holzstock.
“Mama, was war denn da los?”, hatte ich meine Mutter letztens gefragt. Ich kann mich nicht dran erinnern, dass es bei uns ansonsten besonders streng zugegangen war, eine Rute erschien mir im Nachhinein ganz schön extrem.
“Das war damals bei Oma”, sagt meine Mutter. “Da musst du wohl wirklich frech gewesen sein, kurz vor Nikolaus.”
Oh.. okay. Weiter reflektiere ich nicht – und erzähle meinem eigenen Kind genau das weiter, was ich als Kind gelernt habe.

“Du, der Nikolaus bringt ja nur Kindern was, die brav gewesen sind”, hatte ich dem Puck vorgestern geantwortet auf ihre Frage, ob denn endlich bald der Nikolaus kommt und ganz viele Süßigkeiten bringt.
Puck überlegt eine Weile. “Du Mama?”, sagt sie dann mit Lämmchenstimme, “DANKE, dass du so schöne Geschenke in meinen Adventskalender gemacht hast.” Die nächsten fünf Minuten ist sie außerordentlich brav.
“Boah”, denke ich grinsend, “funktioniert ja hervorragend.”
Der Nikolaus als Erziehungsfigur. Wie praktisch.

Zwei Tage später ist plötzlich klar, dass ich dann wohl ein böses Kind war. Und mir bleibt das Grinsen im Hals stecken.
Was zur Hölle erzähle ich meinem Kind da eigentlich für einen Scheiß??
Dass es irgendwo einen alten Mann gibt, der alles beobachtet, was sie tut, und sie dafür bestraft, wenn sie frech ist, aber Süßigkeiten bringt, wenn sie brav ist?
Was ist überhaupt “brav”? Das Wort existiert in unserem Haushalt normalerweise überhaupt nicht.
In unserem Haushalt existieren:
“Puh, war heute ein langer Tag in der Kita, da kann ich gut verstehen, dass du jetzt erstmal Frust ablassen musst.”
“Das ist überhaupt nicht schlimm, wenn du weinst meine Kleine, komm zu mir in den Arm, da bist du sicher.”
“Ich weiss, dass Übergänge für ein Vierjähriges Kind ganz schön fordernd sind, ich versuche, dir beim Abholen, Wegbringen und in neuen Situationen viel Zeit und klare Grenzen zu geben, damit es für dich nicht so schwer wird.”
“Wenn du einen Wutanfall hast, weiss ich, dass eigentlich nur ein überfordertes/ übermüdetes/hungriges Kind vor mir steht, das etwas zu Essen, Schlaf und Kuscheln braucht und eine klare Ansage, dass es seine Eltern nicht “Blödmann” nennen soll.”
Und so weiter halt. Liebe halt.

(Chris nimmt mich ja auch in den Arm, wenn ich kaputt vom Tag bin und hält mir keine Predigt, dass ich mich mal zusammenreißen soll. In dieser Familie gilt gleiches Recht für alle.)

Was kein Kind dieser Welt braucht, ist ein dicker Mann mit einer roten Mütze, der ihm für den Rest seines Lebens das Attribut “böse” verleiht.

Ich knie mich vor dem Puck auf den Boden.
“Schau mal, Puck”, sage ich. “Der Nikolaus, der kann eigentlich gar nicht alles sehen, was Kinder machen. Der muss dann schon die Erwachsenen fragen. Und früher war das so, dass die Erwachsenen noch manchmal dachten, Kinder sind “böse”, wenn sie mal rumschreien, oder weinen, oder “sich nicht benehmen”. Und dann haben die dem Nikolaus vielleicht gesagt, dass sich das Kind “böse” benommen hat. Aber heute weiss man, dass es gar keine bösen Kinder gibt. (Wie schön es wäre, wenn alle das wüssten… aber es ist bald Weihnachten, da kann man ja mal an Magie glauben.)

Ich schaue meiner Tochter in die Augen.
“Und pass auf”, sage ich ihr. “Wenn mich irgendwann mal der Nikolaus oder der Weihnachtsmann oder wer auch immer fragt, ob du brav gewesen bist, dann werde ich sagen: “Hör mal zu, Nikolaus. Mein Kind ist ein supertolles Kind. Vielleicht ist es manchmal frech und vielleicht ist es manchmal brav, aber am Wichtigsten ist, dass es ein tolles, lustiges, schlaues, liebes Mädchen mit einem guten Herzen ist, dass sich um andere kümmert und Tiere mag und sich über Ungerechtigkeiten ärgert. Und daran wird sich nie was ändern, auch wenn es mal was Blödes macht. Also sieh zu, dass dieser Stiefel voll wird.

 

Ps: Im Interesse des Mama-Nikolauses möchte ich noch klarstellen, dass der Ruten-bringende Nikolaus der Großeltern-Generation angehörte, während der Mama-Nikolaus mir noch bis zu meinem 23. Geburtstag Adventskalender gebastelt hat 😉