Zehn Tage sind wir nun schon in Südafrika, mit fünf Tagen in Cape Town und fünf Tagen in George und Wilderness. Heute geht es ins Surfer Paradies Plettenberg Bay, von den Locals liebevoll Plett genannt.

Das Meer ist warm hier, wir sind jetzt am indischen Ozean und nicht mehr am atlantischen!

Wären wir nicht Eltern geworden, wären wir Surfer!

Mit gerade einmal 1,5 Stunden Strecke ist das für uns fahrerprobte Crew ja ein Katzensprung aber da wir auf der Fahrt von George ja noch ein paar Stunden auf dem Outeniqua Farmers Market verbracht haben, sind wir erst relativ spät in Plett. Und leider erwartet uns eine unangenehme Überraschung.

Tag 11: Fahrt nach Plettenberg Bay, ankommen im Hostel, Dinner L&M

Mit unserer Riesentüte voller frischer Markteinkäufe kommen wir im Hostel an. In unserem Familienzimmer mitten in der Stadt. In den Gemeinschaftskühlschrank in der schmuddeligen Küche passt noch nichtmal ein Bruchteil unserer Lebensmittel. Eine Glastür geht von unserem Zimmer auf ein Stück Hof hinaus, das kleiner ist als unser Balkon in Berlin. Davor ein Bretterzaun. Keine Spur mehr von der unendlichen Weite Südafrikas, an die wir uns in den letzten zehn Tagen schon so sehr gewöhnt haben. Wir wir auf ein Hostel gekommen sind? Weil wir zuhause irgendwie dachten, nach zehn Nächten alleine bräuchten wir mal Kontakt zu anderen Menschen. Pustekuchen. Und wer braucht schon zentral, wenn man eh überall mit dem Auto hinfährt? Chris und ich schauen uns desillusioniert an, während Puck glücklich aufs Hochbett klettert. “Das ist jetzt mein Wohnzimmer und unten ist mein Schlafzimmer.” Ja, und wo sind die Berge?

Nach einer kurzen Absprache zwischen Chris und mir, die fast nur aus Blickkontakt besteht (lernt man als Eltern), traue ich mich, das nette Mädel an der Rezeption zu fragen, was passieren würde, wenn wir direkt nach der ersten Nacht wieder auschecken. Wir haben Glück und müssen nur eine halbe Nacht extra bezahlen. Da das Zimmer im Hostel seltsamerweise aber fast doppelt so teuer ist, wie die Unterkunft, die wir kurz darauf auf Airbnb buchen, haben wir den Verlust sofort wieder drin. Und wenn nicht, wäre es auch egal gewesen. Wir sind im Urlaub, unsere Zeit ist begrenzt hier und fünf Tage in einem miefigen kleinen Zimmer zu schlafen, wenn es diese traumhaften Chalets überall gibt – dagegen kommt keine Budget Überlegung an.

Garnelendinner in Plettenberg Bay mit Kind

Kein Problem, das diese Typen nicht lösen könnten.

Erleichtert eine Alternative gefunden zu haben, gönnen wir uns ein teures Garnelen-Dinner bei L&M und müssen uns über unserem Rotwein wortlos eingestehen: Das war’s mit cool und jung sein. Unsere Hosteltage sind gezählt. (Im Nachhinein kann ich mir über soviel Naivität eigentlich auch nur noch an den Kopf packen. Wir haben ja schon in Israel vor zwei Jahren herausgefunden, dass ein Hostel für Familien mit Kleinkind eine schlechte Wahl ist. Wir gehen ja mit dem Puck nichtmal ins Hotel!)

Tag 12: Neue Unterkunft und Wandern im Robberg Nature Reserve

Wir kommen im Airbnb an und klatschen erstmal ein. Wie geil ist das denn. Jetzt hamwa wieder Aussicht, Baby! Das Ding hier ist noch viel schöner als es auf den Bildern bei Airbnb aussah, wir schlafen für 50 Euro pro Nacht in einem großen ausgebauten Dachboden mit einer riiiiesigen Dachterasse. Auf einer Seite Wald und Berge, auf der anderen das Meer. Von einem Paradies ins nächste. Es lebe Südafrika!

Aussicht von der Dachterasse

Da sind sie wieder, die Berge. Nochmal Glück gehabt.

Durch den Umzug vom Hostel ins Airbnb (und, machen wir uns nichts vor, der ungewohnten Abwesenheit jeglicher Kinderbetreuungsmöglichkeiten) sind wir alle ein bisschen durch. Unter Aufbietung aller Kräfte schaffen wir es Nachmittags dann aber doch noch für ein paar Stunden ins Robberg Nature Reserve. Nach einem Drittel des kürzesten Wanderweges sind bei mir dann aber endgültig die Energiekerzen abgebrannt und ich streike. Vor lauter Erschöpfung bringe ich nur noch das absolute Minimum an Wörtern heraus. “Du: Kind. Ich: Strand.”
Mein wunderbarer Ehemann, bless his heart, versteht mich trotzdem. Er rupft den Puck von der Treppe zum Strand, wo sie gerade hinter mir herkommen wollte, setzt sie in die Trage und die beiden machen sich auf den Weg, um den mittellangen Wanderweg an den Klippen entlang zu kraxeln.

Robert Nature Reserve mti Kind

Weit und breit kein Mensch. Yes!!!

Ich: sitze.
Kein Dornröschen erzählen, keine Schleichtiere baden, keine Puppen wickeln.
Manchmal muss man als Mutter auch einfach mal eine Stunde stoisch aufs Meer starren. Ganz langsam verschalten sich die Synapsen in meinem Gehirn wieder und ich beginne, diese lustigen kleinen Tierchen wahrzunehmen, die sich nach jeder Welle wieder hektisch in den Sand schrauben. Die starre ich dann auch nochmal eine Stunde an. Als Chris und Puck wiederkommen, bin ich tiefenentspannt.
“Die nächste Wanderung mache ich alleine!”, kommentiert der wunderbare Ehemann und fällt erschöpft in den Sand.

Tag 13: Ein Reitausflug und ein verregneter Chilltag

Wir machen uns auf den Weg zum Hog Hollow Horse Trails und ich kaue an meinen Fingernägeln. Puck wollte ja unbedingt reiten, aber bis jetzt gab es hier noch kein Tier, bei dem sie nicht schreiend auf meinen Arm gehüpft ist. Doch dann kommt Benny. Benny und Puck, das ist Liebe auf den ersten Blick!

Eine Stunde reiten wir durch den Wald, zwischendurch dürfen wir sogar ein bisschen im Trab reiten. Während Puck auf dem Pferderücken lauthals Bibi und Tina trällert, versuchen Chris und ich unsere Rösser Shanouk und Jacced davon zu überzeugen, dass sie auch uns doofen Touris zuhören sollen, wenn wir sie nach rechts oder links lenken. Beim Kind da vorne sieht das alles so leicht und professionell aus, wir sind froh, dass wir uns im Sattel halten. Also in Berlin wird’s erstmal paar echte Reitstunden geben. Puck ist selig. Aber reiten war ja auch ihr einziger Wunsch für unseren Urlaub. Jedes Mal wenn wir sie in den letzten Tagen gefragt haben, was sie im Urlaub bis jetzt am Schönsten fand: „auf dem Pferd reiten!“ „Aber wir sind doch noch gar nicht geritten.“
„Aber das wird am schönsten.“
Also wenn das nicht erfolgreiche Visualisierung ist, weiß ich auch nicht.

Eigentlich war der Plan, dass wir nach dem Reiten noch zu den Affen ins Monkey Island fahren, aber just als wir von den Pferden absteigen, fängt es an in Strömen zu regnen. (Wasn Timing! Eigentlich sollte es schon früh am Morgen anfangen aber der Regengott hat uns unseren Ausritt noch gegönnt.) Die Farmer hier freuen sich darüber alle sehr (vor allem der Besitzer unseres Anwesens, das nicht an den kommunalen Wasserkreislauf angeschlossen ist und deshalb alles mit gefiltertem Regenwasser versorgt) aber Puck freut sich mehr. Wir fahren nämlich zum späten Frühstück zu einem der vielen „Farmstalls“. Ich kann gar nicht aufhören, mich über diese Bauernhöfe mit Hofladen und kleinem Restaurant zu freuen, wo wir jetzt beim Natures Way Farm Stall & Nursery für nen Appel und n Ei richtig lecker essen. Während Chris und ich Quiche, Sandwich, Scone und Torte mampfen, wäscht Puck zum ersten Mal in diesem Urlaub ohne Geschrei ihre Haare – im Regen. Wir ignorieren die besorgten Blicke, die sie dafür von den einheimischen Gästen erntet (zwei mal kommt die Bedienung, und fragt, ob unser Kind sich nicht erkältet?) und bleiben zwei Stunden sitzen.

Plettenberg Bay mit Kind, Natures way farm stall

“Isn’t she gonna get sick?”
“No, but she’s gonna get CLEAN.”

 

Plettenberg Bay mit Kind, Natures way farm stall

Wohlverdient

Zuhause gönnen wir uns einen ruhigen Nachmittag mit viel zu spätem Mittagsschlaf und gucken in den Regen raus. Können wir auch echt gut gebrauchen. Wenn wir nicht immer mal wieder lange Auto fahren würden, würde das arme Kind hier wahrscheinlich ein dickes Schlafdefizit aufbauen. Ist ja aber auch einfach soooo viel zu sehen. Sterne zum Beispiel. Von unserer Terrasse. Wow.
Wow, wow, wow.

Plettenberg Bay mit Kind, Sternegucken
In Berlin geht das ja nicht und obwohl wir letztes Jahr schon extra in die Wüste gefahren sind, hat es auch da nicht geklappt. Aber jetzt. Jetzt schnappen wir uns Matratzen, Decken und Kissen und einen “noch gar kein bisschen” müden Puck – und schlafen auf der Terrasse. WOW!

Plettenberg Bay mit Kind Sterne gucken

Chris hat sich extra eine Sternbilderbestimmungsapp auf sein Handy geladen.

Tag 14: Township Tour in Knysna

Für heute steht eine Township tour in Knysna auf dem Programm, um mal mitzukriegen wie über 70% der Südafrikaner eigentlich wirklich leben. Die Township in die wir fahren, ist relativ wohlhabend, was bedeutet, dass die Menschen nicht in Blechhütten wohnen, sondern normalerweise in echten Häusern. Viele dieser Häuser sind von der Regierung finanziert, nämlich dann wenn die Menschen die dort wohnen weniger als 200 Euro im Monat (!) verdienen. Mal als Vergleich; die Lebenshaltungskosten lassen sich hier grob mit Berlin vergleichen. Wer da von 200 Euro leben soll ist mir schleierhaft. Die meisten Townships sind in den 50ern entstanden, als Schwarze unter dem Apartheidsregime zwangsweise dorthin ausgesiedelt wurden. Weit weg von Arbeitsplätzen und Strom und Wasser. Nelson Mandela hat das Elend dort dann einige Jahrzehnte später versucht zu lindern, indem er angefangen hat, den Familien ein bisschen Land zu geben und ihnen darauf kleiner Häuser zu bauen. (Und wenn ich klein sage, meine ich klein. 20 qm klein.) Aber immerhin mit ein wenig Platz drum herum, um im besten Fall anbauen zu können. Die heutigen Häuser von der Regierung sind zwar doppelt so groß aber dafür ohne Land und Anbaumöglichkeit. Wir sind zu zehnt, werden von unserem Guide zu einem Friseur, einem Schuster, einem Kiosk und einem Kindergarten gefahren und schließlich in ein “Safe House“. Die Besitzerin ist eine beeindruckende Frau, die in den letzten 20 Jahren über 20 Kinder aus schwierigsten Verhältnissen adoptiert hat. Die ersten Jahre hat sie sich um alle allein gekümmert und die meisten waren damals noch Babies. „Ich habe einfach nicht mehr geschlafen“. Mit null Unterstützung vom Staat hat sie dann diese Touren gegründet, um das Geld für ihr Haus und die Schule der Kinder zu verdienen. Soweit so beeindruckend. In ihrem Haus sitzen wir zusammen, essen, trommeln, singen und lernen ein paar Worte Xhosa. Das ist ganz witzig und sehr lecker.

Nun die andere Seite der Medaille…

Während wir mit dem Kleinbus durch die Township gefahren werden, rennen von allen Seiten Kinder auf uns zu und rufen “Sweets, Sweets”. Unser Tourguide hat extra eine Tüte Bonbons dabei, freut sich aber, als eine der anderen Teilnehmerinnen tütenweise europäische Süßigkeiten aus ihrem Rucksack holt. “Aaah, the good stuff!” Die Kinder stellen sich artig in kleinen Reihen vor dem Auto auf und jedes bekommt drei Smarties. Der Puck guckt mit großen Augen zu. “Mama, warum kriegen die Kinder Süßigkeiten?” Ich kann es ihr nicht beantworten.

Der Besuch im Township-eigenen Kindergarten ist Pucks Highlight, weil sie dort nach zwei Wochen endlich mal wieder mit anderen Kindern zusammen ist und sogar mit ihnen Wippen darf. Dass die Kita sehr viel weniger Platz und Spielzeug hat als ihre eigene fällt ihr dabei nicht auf. Mir macht dieser spezielle Teil der Tour dafür sehr viel weniger Spaß. Zehn westliche Touristen, die mit ihren Kameras und einer Tüte Lolliies auf Kleinkinder losgelassen werden, finde ich überhaupt nicht okay. Die Kinder singen zuerst etwas und stellen sich dann in einer Reihe auf um „beide Hände und Thank you!“ sich jeder einen Lolli abzuholen. Dabei fühle ich mich schon extrem unwohl. Als sie von den Erzieherinnen dann aber in einer Linie aufgestellt werden und wir auch und daraufhin jeweils drei Kinder auf einen Touri zurennen, um ihn zu umarmen(!!) wird mir ganz anders. Wenn das mein Kind wäre, würde ich einen Heidenaufstand machen. Und die Kinder da machen das jeden Tag, denn die Tour findet jeden Tag statt. Und ich hatte mich extra bemüht, eine der „kulturell sensiblen“ Touren zu buchen. What the fuck.

Tag 15: Monkeyland und Birds of Eden

Chris ist heute morgen um fünf Uhr losgefahren, um den „Harkerville Trail“ zu laufen, einen 27 km langen Wanderweg der eigentlich als Zweitagestour angelegt ist. Schockt ihn nicht, er ist da ein bisschen Hardcore.

Harkerville Coastal Trail

Leider merkt er auf der Mitte der Strecke, dass der schönste Teil des Harkerville Trails nach den großen Bränden in 2017 immer noch gesperrt ist.

Harkerville Trail

…lohnt sich aber wohl trotzdem.

Puck und ich sind daher Autolos, aber freundlicherweise hat sich ein älterer Mann, den wir in der Gegend kennengelernt haben, bereit erklärt, uns beide ins Monkeyland zu fahren. Ein Park in dem 500 Affen 10 verschiedener Gattungen frei herumlaufen. In meinem Kopf war das eine tolle Idee. In Pucks Kopf nicht. Das Kind, das letztes Jahr in Marocco noch mit großem Spaß Paviane gefüttert hat, kommt heute eine Stunde lang nicht mehr von meinem Arm herunter. Tja schade. Sonst hätte ich vielleicht auch mal einen von coolen Lemuren fotografieren können. Oder diese Affen, die immer aussehen, als hätten sie zuviel Koffeein getrunken. Ich finde die megacool. (Puck nicht. ‘Mama ich will wieder nach Hause und kneten”.)

Monkeyland Plett

Da! Affe! Wenigstens einen hab ich erwischt.

Südafrika mit Kind Plettenberg Bay

…und zumindest den obligatorischen Tourishot im Monkey Island haben wir hinbekommen. Hat sich ja dann gelohnt der Ausflug, richtig?

Bisschen mehr Spaß hat das Erlebnisgebeutelte Kind dann im „Birds of Eden“, einem Vogelpark direkt nebenan, wo die Vögel in einer riesigen Voliere frei herumfliegen und man in einem wunderschönen künstlich angelegten Regenwald an einem rauschenden Bach herumläuft. Da kommt sogar mal ihre Kamera heraus, auch wenn sie immer nur die Holzwege fotografierwürdig findet.

Birds of Eden Plettenberg Mit Kind

Der wird mal Model.

Der gleiche freundliche alte Mann der uns so superlieb herumchauffiert, erklärt mir im Auto auf der Rückfahrt auch erstmal, wie das mit den Townships wirklich ist. „Die kriegen einfach ein Baby nach dem anderen, trinken und schmeißen ihren Müll überall hin. Sie sagen immer, sie suchen Jobs, aber arbeiten wollen sie dann doch nicht. Die Regierung baut auch noch kostenlose Häuser für die, aber es werden ja immer mehr, da kommt ja keiner hinterher.“ Das mit der strukturellen Diskriminierung in den letzten Hundert Jahren und den Fakt, dass schwarze Arbeitskräfte hier immer noch systematisch unterbezahlt werden, hat er irgendwie vergessen zu erwähnen. Aber das vergisst sich halt auch so leicht wenn man selbst vor vierzig Jahren mit dem in England und Australien verdienten Geld ein riesiges Stück Land kaufen konnte und dank der Hautfarbe automatisch zur Oberschicht hier gehört, ne?

Wieder Zuhause treffen wir auf einen ausgepowerten Papa, der sein ausgepowertes Kind direkt mit ins Bett nimmt, wo beide innerhalb von Sekunden tief und fest schlafen. Ich genieße den leider schon wieder letzten Tag hier auf der Terrasse. Morgen geht es weiter. Zur Feier des Abschieds fahren wir Abends noch zum Keurboomstrand und gönnen uns im Enrico’s das beste Abendessen, das wir hier bis jetzt überhaupt hatten.

Plettenberg Bay Enricos mit Aussicht

Mit Meerblick! Livemusik! Garnelen! Muscheln in Sahnesauce! Auf den Punkt gebratenem Kabeljau! Und zum Nachtisch Knetekekse und überdrehtes Kind für alle!! Mjammiii

Südafrika mit Kind_3897

Aussicht beim Essen. Kann man wohl mal machen.

Noch eine letzte Nacht an diesem zauberhaften Ort und dann bricht schon der letzte Teil unserer Reise an. Wie jedes mal, wenn wir hier einen Ort verlassen, fällt es mir schwer, nicht nostalgisch zu werden. Aber ich bin auch ein bisschen aufgeregt, denn Morgen geht es auf Safari!