In dieser Woche hat mein Master angefangen und deswegen wohne ich ja nun schon seit fast drei Wochen in Holland. Mit dem ganzen Umzugsstress und dem total durchgeknallten, zweiwöchigen (!!!) Orientierungsprogramm, das die Holländer für ihre internationalen Studenten durchziehen (Party, Party, übers Wochenende aufs Land mit Landparty, danach am Strand ausruhen und Abends wieder Party!), bin ich aber überhaupt noch nicht dazu gekommen, mir die Stadt in der ich nun für das nächste Jahr lebe, auch mal vernünftig anzuschauen. Freitag war nun der erste Tag, an dem ich weder Vorlesung, noch irgendein “Stadtrallye/Schnitzeljagd/Wir rennen rum und trinken uns bewusstlos”-Programm hatte. Und da hier der Donnerstag Abend der Ausgehtag ist und meine internationale Studenten-WG den ganzen tag halb tot im Bett verbracht hat, hatte ich endlich mal ein bisschen Zeit für mich.

Wir wohnen hier zu sechst, in einer halbwegs hübschen, dafür nach deutschen Verhältnissen lächerlich teuren Studentenwohnung. Da die Zimmer vom Studentenwerk zugelost werden, kann sich niemand aussuchen, wo er hin kommt und mit wem er zusammen wohnt. Der arme Atang aus Südafrika verzweifelt daran fast, denn nun lebt er mit 5 Frauen zusammen und die wollen auch noch alle, dass er seinen eigenen Abwasch macht! Und obwohl wir Mädels alle aus verschiedenen Ländern kommen (Mexiko, USA, Schottland, Deutschland und Estland), sind wir uns doch alle einig, dass eine ungezieferfreie Küche irgendwie hübscher ist. Jeden Abend verwandelt sich besagte Küche in ein Begegnungscenter der Kulturen, denn natürlich laden wir auch alle fleißig diejenigen Freunde ein, die wir schon kennengelernt haben. Das macht uns dann nochmal um ein paar Kontinente reicher. Neue Leute kennenzulernen ist ja superspannend und Late-Night Kochsessions mit Kerzen und Gesprächen über den Sinn des Lebens gehören nun mal zu jedem Studentenleben dazu. Internationales Studentenleben ist doppelt spannend, weil immer wieder kleine Culture-Clash Highlights passieren. Ich hab vor Lachen fast meine Gabel verschluckt als Dinorah aus Mexiko völlig entsetzt aufschrie: “Was soll das heißen, du hast noch NIE einen Löwen gesehen???” und Atang ein bisschen verschreckt erwiderte: “Naja, ich bin in der Stadt aufgewachsen!” Lebhaft wird es, wenn die Schotten kommen. Dannis Freunde sind nämlich total lustig und mega nett, leider versteht sie kein Mensch. Zu beobachten, wie drei verschiedene Leute auf Fragen á la “Wie gefällt dir die Stadt?” leicht verstört lächeln und nicken, ist echt unterhaltsam.

KOMPLETT duschgeknallt, die ganze Bande. Aber schaut doch mal wie schön dafür unser Flur ist… NE?!

Bei diesem ganzen Trubel war ich dann aber Freitag wirklich froh, die Küche komplett für mich zu haben, als ich es dann um zwölf mal aus dem Bett geschafft hatte. (Party ging bis vier, watt willste machen?) Mit dem Brot von dem deutschen Bäcker, den ich überglückliche in paar Tage vorher entdeckt hatte, hab ich mir dann ein paar Sandwiches gemacht und mich aufs Fahrrad geschwungen. (Die Holländer bevorzugen ihr “Brot” nämlich in einer Konsistenz, die einen befähigt, auch ein großes Kastenbrot zu einer Tischtennisball großen Kugel zusammenzupressen.) Und – mein Glückstag- ausnahmsweise mal kein Regen! Also ab dafür, rein in die Sonne. Mein lieber Scholli, ist das ein schönes Land!!! Nur zwei Kilometer von meiner Haustür weg fängt der Kronenburg Park an. Und von einer Sekunde auf die andere hört der Alltag auf, zu existieren.
Praktisch direkt dem Mittelalter entsprungen, wird man von denKruittoren begrüßt, um die herum sich dieser zauberhafte Park entfaltet. Mit einer Decke, einem Café Latte und natürlich meinem neuen 100Bücher-Buch bewaffnet, habe ich tatsächlich vier Stunden lang durchgelesen ohne kaum einmal aufzuschauen. Immer wenn ich doch mal meine Umwelt wahrgenommen habe, hat sie mich so verzaubert, dass ich vollkommen überzeugt davon war, in die Zeit meines aktuellen Romans – 1911 – gefallen zu sein. Ich konnte auch problemlos überall Mägde in wallenden Kleidern mit Hut und Kinderwagen herumspazieren sehen, denn tatsächlich werden überall im Park Schwarzweissbilder längst vergangener Zeiten ausgestellt.
Jede Stadt hat sie: diese kleinen, verwunschenen Orte, die den Menschen in eine andere Zeit, eine Geschichte versinken lassen. Tore zu einer Zauberwelt.
(Bild via) Der Kronenburg Park Nijmegen im Jahre 1900. Er hat sich bis heute kaum verändert. Hinter der kleinen Holzbrücke steht jetzt eine Voliere mit Vögeln und auf dem See schwimmen Entenfamilien herum. Der Steinberg in der Mitte des Sees ist zu einer Insel mit einem Entenhaus geworden. Auch wenn man nun per Fahrrad statt Pferd hierherkommt und der Rasen mit Studenten und Familien bevölkert ist, hat der Park nichts von seiner verwunschenen Atmosphäre verloren!

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