Vollmond in der Wüste: Das beste Date meines Lebens.

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Vollmond in der Wüste: Das beste Date meines Lebens.

“Wenn das hier durch ist, setze ich mich auf ein Kamel und reite in die Wüste!”

Mein letzter Chemo Zyklus Ende Januar war hart. Unerwartet hart, weil ich eigentlich mit einem anderen Mittel zum Abschluss gerechnet hatte. Stattdessen habe ich noch ein letztes Mal die Chemo bekommen, die ich schon ganz zu Anfang schlecht vertragen habe und die hat mich dann zum Schluss nochmal voll weg geklatscht. Zwei Wochen lang bin ich kaum vom Sofa hochgekommen, Mund entzündet, Bauchschmerzen, Schwächeattacken, volles Programm. Und die ganze Zeit der Gedanke: Scheiß drauf. Das war die letzte! In vier Wochen fliege ich nach Marokko! Es fühlt sich zwar grad so an, als wenn ich nie wieder die Kraft habe aufzustehen, aber in vier Wochen muss ich fit genug für einen Kamelritt sein.

Stur optimistisch hatten wir Mitte Januar eine zehntägige Rundreise durch Marokko gebucht. Ich wollte in die Wüste, ich war noch nie in der Wüste und ich fand irgendwie, dass ich mir jetzt alles verdient hab, was ich immer schonmal wollte und noch nie gemacht hatte. Chris kam mit Marokko um die Ecke und mit dem Kiddo bot sich das Land wegen der einigermaßen kurzen Flugzeit auch an. Glücklicherweise haben wir eine Agentur gefunden, die uns auch ohne Reiserücktrittsversicherung (hätte mir ja kein Mensch bezahlt) angeboten haben, den Urlaub kostenlos bis fünf Tage vorher zu canceln. Das hatte ich aber nicht vor.

 

Reisen mit Kind: Sahara, Erg Chebbi - Kamelreiten in der Wüste

 

Drei Wochen vorher. Es ist der 4. Februar und am 22.02. gehen unsere Flüge. Eigentlich nur zweieinhalb Wochen. Ich fühle mich immer noch wie Rotze und die Blutwerte sind im Keller. “Wenn das hier durch ist SETZE ICH MICH AUF EIN KAMEL UND REITE IN DIE WÜSTE!!” Um auf dieses Kamel auch nur draufzusteigen, muss ich jetzt aber langsam wieder ein bisschen zu Kräften kommen. Das ich in den letzten Tagen zwei Kilo abgenommen habe, hilft auch nicht. Ich schnappe mir mein Handy, Selfiemode an und drehe ein Video mit einem Hilferuf, dass ich per WhatsApp an alle meine besten Freunde schicke. “Ich brauche Kraft und positive Energie. Schickt mir so viel wie möglich davon heute Nacht nach Berlin! Morgen muss es mir besser gehen, nächste Woche geht auch noch klar, aber dann bitte.” Und ja, ich glaube da wirklich dran. Dann mache ich das Handy aus und gehe ins Bett.

Am nächsten Morgen hört mein Handy gar nicht mehr auf zu piepsen. Meine Tante hat eine Sternschnuppe für mich gesehen. Meine Freundin in Zürich hat ihre Oma im Himmel gebeten “Heute nicht nur auf mich, sondern auch auf dich mit aufzupassen.” Meine ehemalige Arbeitskollegin hat mir eine Playlist mit Gute-Laune Musik zusammengestellt. Eine Freundin die ich schon aus dem Kindergarten kenne erzählt mir, dass ihr Papa schon seit Wochen Morgens nicht nur für seine eigenen sechs Kinder betet, sondern auch für mich. Mich erreichen Powernachrichten von mehreren Kontinenten. Ich sitze auf dem Sofa und lache und heule und hab keine Ahnung was ich zurückschreiben soll. Die Cousine meiner Mama schreibt: “Mein Yogalehrer sagt immer ‘Jeden Tag einen Baum. Auch wenn es nur ein ganz kleiner ist. Das gibt Kraft.’” Recht hat sie. Ich stehe auf und mache einen kleinen Baum. Dann einen großen. Dann stelle ich fest, dass mir gar nicht mehr so schwindelig ist.

 

Reisen mit Kind: Sahara, Erg Chebbi - Kamelreiten in der Wüste

 

Am nächsten Tag muss ich zum Blutabnehmen. Ein paar Stunden später klingelt mein Handy: “Frau Ahrendt, ich habe keine Ahnung, wie sie das innerhalb von zwei Tagen geschafft haben, aber Ihre Blutwerte sind plötzlich TOP!” Ich hab auch irgendwie ganz schön Hunger.

Am 20.02., zwei Tage vor Abflug, ist meine Abschlusskontrolle im Krankenhaus. MRT, Pet-Scan, CT, trallala. “Wie geht es Ihnen, Frau Ahrendt?” “Mir geht es super! Wir fliegen übrigens übermorgen in den Urlaub. Nach Marokko!”
“MAROKKO??” Mein Arzt starrt mich an. “Naja, DAS müssen Sie ja selber wissen. Aber essen Sie da NICHTS rohes. Und wenn es Ihnen irgendwie schlecht gehen sollte, setzen Sie sich DIREKT in ein Flugzeug und kommen wieder nach Hause, hören Sie. Gehen Sie da BLOß nicht ins Krankenhaus!”

Fast Forward (von den drei Tagen in Sevilla und den drei Nächten in Fes erzähle ich euch ein anderes mal): wir erreichen nach langer Fahrt durch das Atlasgebirge das Wüstenstädtchen Merzouga. Dort bekommen wir erstmal frischen süßen Minztee und Kekse serviert. Der Guide fragt uns, ob wir vielleicht zwei Nächte bleiben und das mit dem Kamelritt auf Morgen vertagen könnten, weil es so windig ist. Könnten wir leider nicht, denn die Weiterreise ist strikt getaktet. Er holt drei Kamele. Außer Chris und mir und dem Puck ist nur noch Hans mit von der Partie, der seine Altersteilzeit nutzt, um richtig coole Reisen zu machen. Finde ich super, da sind wir genau in der richtigen Gesellschaft. Jetzt wissen wir auch schonmal, auf was wir in ein paar Jahrzehnten hinarbeiten können.

Unser Berber-Guide wickelt das Kind profimäßig in einen Turban ein. Wir Erwachsenen müssen uns irgendwie selbst unseren Windschutz hinfriemeln. Ich binde mir meine Cashmerejacke um die Mütze und habe so nicht nur Mund und Nase, sondern den Hals auch gleich mitgeschützt. “Der teuerste Turban aller Zeiten?” Chris lacht mich aus. Soll er mal, mit seinem Bankräuber Look. Der Puck hat schon seit Stunden nur noch von unserem Kamelritt erzählt, kriegt aber einen ziemlichen Schreck als sie sieht, dass die Kamele doppelt so hoch sind wie Papa. Sicher auf Papas Rücken in der Kraxe verstaut und windfest vertäut macht es ihr dann nach fünf Minuten aber so viel Spaß, dass ich sie ein Dromedar weiter hinten – mir fällt grad wieder ein, es sind eigentlich Dromedare! Kamele kennen die meisten Marokkaner, wenn überhaupt, selbst nur aus dem Zoo –  noch laut singen hören kann. Die Karawane zieht los. Ich gehe schon beim Aufstehen fast über Bord, aber wenn man sich nach ein paar Minuten an das Wackeln gewöhnt hat, und die Tiere erstmal die weichen Dünen erreicht haben, ist es eigentlich ganz gemütlich. Der Wind peitscht uns den Sand ins Gesucht, aber wir sind ja gut geschützt. Ich kann Cashmerestrickjacken unbedingt empfehlen.

 

Reisen mit Kind: Sahara, Erg Chebbi - Kamelreiten in der Wüste

 

Als wir den Parkplatz hinter uns lassen und die Sahara beginnt, vergesse ich den Wind. Ich vergesse den Wind, ich vergesse die Chemo, ich vergesse alles. In jede Himmelsrichtung Sand. Riesige Dünen, so hoch wie Berge. Ab hier fallen mir nur noch Klischees wie “majestätisch” ein, aber wenn ein solches Wort jemals passender war als in der Sahara, dann weiss ich auch nicht. Die Wüste ist alles was ich mir erträumt habe und noch so viel mehr. Eine Stunde lang reiten wir wie winzig kleine Schiffe durch die unendliche Sandlandschaft (mehr Klischees? Bitteschön.) und kommen schließlich an unserem Beduinencamp an, das vor der riesigen Düne dahinter kaum sichtbar ist.

Die Berber schicken uns zum Sonnenuntergang auf die Düne hoch “I don’t know how long it’s gonna take for you. I need ten minutes, but you might not be back tomorrow…” und wir rennen los. Nach 30 Metern merken wir, dass es gar nicht so unanstrengend ist, feinsten Rieselnd hochzulaufen, wenn er sich auf Hunderte von Metern auftürmt. Ganz oben auf der Düne ist es spektakulär, aber dem Kiddo ist es jetzt echt zu windig, auch wenn sie noch in der Kraxe ist. Chris rennt runter, ich rutsche. Erst auf dem Po, dann lege ich mich lang hin und rolle. Das hab ich als Kind immer bei meiner Oma gemacht, einen Abhang voller Gänseblümchen runter. “Mila, sei mal bisschen vorsichtiger, die ist schon echt steil, die Düne.” Chris schimpft mit mir aber ich kann nicht mehr aufhören zu lachen. Wie geil ist das denn!

 

Reisen mit Kind: Sahara, Erg Chebbi - Kamelreiten in der Wüste

 

Pünktlich zum Abendessen kommen wir wieder unten an. Das Kind merkt plötzlich, dass der ganze Untergrund aus SAND besteht und kriegt vor Begeisterung Schnappatmung. Für das Abendessen interessiert sie sich null, sie sitzt im größten Sandkasten der Welt und paniert ihren Schnulli. (Aus Mangel an Sandspielzeug. Haben wir vergessen, wir Rabeneltern.) Eine Stunde später fällt sie völlig geplättet von den Eindrücken komatös ins Bett. Hans schläft auch schon und das Lagerfeuer mit Trommeln fällt heute flach, weil es so windig war und wir eh nur drei Teilnehmer wären und sonst wacht ja auch das Kind auf, RIGHT? Eigentlich ist es mittlerweile windstill, aber die Berber sind vermutlich auch froh, wenn sie mal frei haben und keine Touristen besaßen müssen.

Chris und ich haben also plötzlich frei. Datetime. In der SAHARA! Uns um rum ist es nur halbdunkel, wir haben eine Vollmondnacht erwischt. Vielleicht sind deshalb so wenig Touristen da, die Leute wollen in der Wüste Sterne gucken. Wir sind aber ganz happy mit dem Vollmond, denn so kann man die Dünen noch erkennen. Zwanzig Meter weiter sehen wir schemenhaft unsere drei Dromedare im Sand liegen, um uns herum völlige Stille, so absolut wie kaum irgendwo auf der Welt und schon gar nicht in Berlin. Ich kann mich nicht satt sehen, ich fühle mich wie der Protagonist in einem Buch. Für die Nacht haben wir extra dicke Klamotten eingepackt aber noch ist es erstaunlich warm, die Sonne ist noch nicht lange untergegangen und der Sand noch halb aufgewärmt. Wir liegen händchenhaltend auf einer Düne und starren den Mond an. Wenn es nicht so atemberaubend wäre, könnte man so viel Romantik kaum aushalten. Man könnte ja denken nach zehn Jahren hätten wir die besten Dates schon hinter uns. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, wir stehen gerade erst am Anfang.

<3

 

Reisen mit Kind: Sahara, Erg Chebbi - Kamelreiten in der Wüste

By | 2018-03-26T09:15:57+00:00 März 26th, 2018|Aus meinem Leben, Marokko, Reise|2 Comments

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2 Comments

  1. […] Home/Familie, Marokko, Reise/Kann denn eine zweijährige auf einem Kamel in die Wüste reiten? Previous […]

  2. Kerstin Juli 31, 2018 at 6:25 am - Reply

    Wow, tolle Bilder. so ein Aufenthalt bleibt ganz sicher in wunderbarer Erinnerung. Einfach toll.

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