”Nein Lot, die Möhre ist zu scharf für dich!” Über die vorsichtige Freundschaft zwischen einem Kleinkind und einem Kater.

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”Nein Lot, die Möhre ist zu scharf für dich!” Über die vorsichtige Freundschaft zwischen einem Kleinkind und einem Kater.

“Das is daaaanz tuschelig!” versichert mein zweijähriges Kind dem sechs Monate alten Kater, während sie versucht, ihn in ihre Jacke zu wickeln. Der Kater schielt sehnsüchtig zur Tür, lässt sie aber machen. Vielleicht weil sie die Jacke unter Lebensgefahr für ihn geholt hat?

Fünf Minuten vorher hatte ich nämlich noch aus dem Augenwinkel mitbekommen, wie das Kind unter angestrengtem Grunzen am Ärmel ihrer Jacke zog, der für sie in gerade noch erreichbarer Höhe hing. Der Rest der Jacke hing an einem 2,50 Meter hohen französischen Jackenständer, der zwar aus massivem Holz gefertigt, aber mit seltsamen kleinen geschwungenen Beinchen versehen war und sich in genau diesem Moment auf eins von ebenjenen stellte. “Oh Scheiße. Nein, nein, VORSICHT!!” Während mein Gehirn außer sinnlosem Brüllen nichts bereitstellte, hatten meine Beine Gott sei Dank schon geschaltet und ich das Kind in letzter Sekunde aus der Gefahrenzone gezerrt. Sie nun, völlig unbeeindruckt von dem heruntergekrachten Getöse, wand sich aus meinem Arm, fischte sich ihre Jacke und stapfte los Richtung Kater. Total fokussiert auf ihr Vorhaben, es dem Tier “tuschelig” zu machen.

Was wir hier sehen ist der Anfang einer Freundschaft, die vor ein paar Tagen noch unmöglich schien.

Heute ist der letzte Tag vor Jahreswechsel, wir sind eine Woche lang in Frankreich bei Freunden zu Besuch, in einem Dorf das so klein ist, dass die Häuser nichtmal Nummern haben. Seit wir hier angekommen sind stürmt es wie blöde, der prasselnde Regen nur zeitweise durch Hagel unterbrochen. Da wir einen Kamin, eine Badewanne, fünf Kilo Duplo und einen Schrank voller Gesellschaftsspiele haben, stört uns das nicht besonders, wir gehen eben einfach nicht vor die Tür. Wer sich aber auch nicht mehr vor die Tür traut? Der Kater.

Seit Tagen alterniert er zwischen Dösen auf dem Sofa und Fressattacken aus Langeweile. Immer mal wieder scheint er den Sturm zu vergessen, dann maunzt er vor der Tür herum, bis einer von uns ihn herauslässt – nur um zwei Minuten später wie der Blitz wieder hereingeschossen zu kommen. “Na, ist dir gerade aufgefallen, dass es draußen regnet?” Wir verarschen den Kater ein bisschen und dieser Satz wird zum Running Gag, allerdings beginne ich irgendwann zu hoffen, dass es ihm beim nächsten mal einfach nicht auffällt und er mal eine Weile draußen bleibt. Das Kind nämlich ist in ihrem bisher haustierfreien Leben – bis auf den gelegentlichen Spaziergehhund – noch nie einem Tier derart nah begegnet. Die ersten drei Tage verfällt sie deshalb in eine Panikstarre, sobald der Kater sich ihr auf mehr als zwei Meter Entfernung nähert. Unsere Freunde wohnen zwar in einem alten französischen Landhaus mit Riesendiele, aber so groß dass sich die Kindes – und Katerwege nie kreuzen, ist sie dann doch nicht. Und dann schreit das Kind.

Der Kater heisst Claude. Beim Kind heisst er “Lot” (und bei allen anderen jetzt auch) oder wahlweise “die Katze”. “Die Katze kommt! Ich WILL die nicht!!!” haben wir in den letzten Tagen so oft gehört (gewöhnlich unter Tränen und in panischer Kreischstimmlage), dass ich es kaum glauben kann, als dann am vierten Tag plötzlich der Knoten platzt. Eben hatte sie noch zufrieden oben auf der Arbeitsplatte gesessen und mir beim Gemüseschnippeln zugeschaut, als plötzlich wie aus dem Nichts (ich weiss ja dass er da ist, aber er ist echt leise!) Kater Lot auftaucht. Hastig halte ich meine Tochter fest, damit sie nicht vor lauter Schreck von der Arbeitsplatte kippt, aber was macht die? Schnappt sich einen Möhrenstick vom Teller und verlangt, runtergehoben zu werden. “Aber da ist die Katze”, versuche ich ihr ganz schonend beizubringen.
“Lot will was essen”, kriege ich als erstaunliche Antwort, woraufhin sie sich auf den Boden heben lässt, 10 Zentimeter vorm Katergesicht in die Hocke geht und beginnt, die Möhre vor ihm herumzufuchteln. Ich schaue ihr mauloffen dabei zu.

“Das ist danz desund, Katze!” Dem Kater scheint der Vitamingehalt seines Essens relativ egal zu sein. Er inspiziert die Möhre und stellt innerhalb einer Millisekunde fest, dass sie kein Würstchen ist. Fast kann ich sein empörtes französisches Schnalzen hören, als er sich abwendet.
“Lot will nichts essen, Mama.” Ihr Ton lässt eine Spur Verletztheit erahnen.
Darauf bedacht die aufkeimende Freundschaft nicht im Keim ersticken zu lassen erkläre ich ihr, dass Katzen Möhren nicht so gerne mögen. Dann gebe ich ihr ein paar Leckerlis und zusammen beginnen wir, den Kater zu bestechen. Es funktioniert. Fünf Minuten später sind Kind und Kater eine Einheit.

Wir haben die beiden so weit wie möglich einfach machen lassen und uns auf unser Brettspiel gestürzt, doch mit zunehmender Vertrautheit der beiden erkannt: auch eine Einheit braucht ein paar Regeln. Hier die Liste, die wir unserem Kind an die Hand gegeben haben, um ihr und Lot das Leben so einfach wie möglich zu machen:

Katzen mögen nicht:

  • gestreichelt werden, wenn sie mit dem Schwanz wackeln
  • in die Gardine eingerollt werden
  • gewickelt werden
  • feste gegen den Strich “gestreichelt” werden
  • aus zwei Zentimetern Entfernung beim Fressen beobachtet werden
  • gebadet werden
  • durch ein kleines Kind das Haus hoch und runter verfolgt werden, wenn sie offensichtlich vor diesem kleinen Kind flüchten
  • Regen
  • Möhren.

Letztere sind nämlich viel zu scharf für Katzen, hat das Kind beschlossen. Alle nachfolgenden Möhren wurden zwar weiterhin vor dem armen Kater herumgewedelt, aber immer gleich mit dem Hinweis versehen: “Nein Lot, die ist zu ssaf für dich, die Möhre!”

Das Kind hat selbst übrigens auch eine Liste angelegt. (Also geschrieben habe ich, ihr fiel eher der experimentelle Teil zu.)

Man lese und staune.

Katzen mögen:

  • mit Leckerlis gefüttert werden
  • mit Spaghettiwasser aus der Puppenküche gefüttert werden (anscheinend)
  • mit vollen Windeln spielen
  • bei jeder Gelegenheit in das einzige Zimmer schleichen, in das sie wegen allergischen Gästen nicht rein dürfen
  • ihren eigenen Schwanz jagen (Totales Entzücken: “Die dreht sich! Gucke mal Mama, die Katze dreht sich!”)
  • sich unter dem Sofa festkrallen und dann wie beim Puppentheater darunter hervorlinsen (Totales Entzücken²)
  • auf dem Feuer am Spieß gegrilltes Lamm bester Qualität, sobald es eine Sekunde aus den Augen gelassen wurde um abzukühlen.

Letzteres würde ich nicht empfehlen auszutesten. Geht ins Geld und danach gibt es nur noch Kartoffeln.

Frohes Neues Jahr. Euch und euren Katzen!

Lamm über dem Feuer gegrillt_Frankreich reise Milalala

Sieht geil aus, ne? Fand Lot auch.

By | 2018-02-07T14:54:45+00:00 Januar 5th, 2018|Aus meinem Leben, Familie, Reise|0 Comments

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