Glückskind

Glückskind

Mein ganzes Leben lang habe ich gehört, was für ein Glückskind ich bin. Wie mir alles nur so zufliegt. In der Schule, beim Sprachen lernen, die Liebe meines Lebens, kennengelernt mit 19. Ein gesundes Baby, eine märchenhafte Hochzeit, ein Leben voller Reisen und lachen und Freunde. Die Wahrheit ist: ich war schon immer ein Glückskind. Meine Oma hat mal gesagt „Mädchen, Gott muss dich lieben“ und das stimmt ziemlich sicher. Die Wahrheit ist auch: Ich weigere mich, dem Negativen Macht über mich zu geben. Ich spreche möglichst nicht darüber. Ich verschwende keine Energie damit, darüber nachzudenken. Ich vergesse oft, dass es existiert. Ich verwende eine Menge Energie darauf, das Gute in allem zu sehen, was mir und um mich herum passiert. Die Lektionen zu erkennen, die das Leben mir mitgibt und zu versuchen, daraus zu lernen. Alles zu genießen, was sich nur irgendwie genießen lässt, auch die kleinsten Dinge.

 

Als sie mir im Juni gesagt haben, dass ich Krebs habe, dass es ein seltener und aggressiver Krebs ist und dass Hardcore Chemo und Bestrahlung nötig sind, um mir eine Chance auf Heilung zu geben – da sind Chris und ich nicht ausgeflippt. Wir haben nicht (viel) geweint, wir haben nicht (viel) Zeit damit verschwendet, unsere Fäuste in Betonwände zu hämmern. Es hat ein paar Tage gedauert, einen klaren Kopf zu kriegen und dann haben wir uns einfach fallenlassen. Wir haben uns versprochen, es als eine Chance zum Wachsen zu sehen, eine Chance, unsere Zeit noch mehr wertzuschätzen und zu versuchen, auch die allerkleinsten Dinge zu genießen. Jetzt erst recht.

 

Wir sind einfach kopfüber ins Neuland gefallen. Und ich konnte und kann immer noch nicht glauben, wie einfach es war. Am Anfang haben wir überlegt, ob wir die Realität verleugnen. Wir haben Andeutungen gehört, dass wir vielleicht unter Schock stehen, dass wir nicht wirklich verstanden haben, was da passiert. Haben wir aber. Wenn nicht sofort, dann spätestens, als ich mir das erste mal eine Locke um den Finger wickelte und die da hängen blieb. Aber wir haben tonnenweise Zeit mit Meditation verbracht, sind zu Yoga Workshops gegangen, haben sogar noch mehr Geld als vorher für geniales Essen ausgegeben und immer und immer weiter in Leichtigkeit gelebt. Und waren einfach dankbar für unser ganzes Leben. Dafür, dass wir in liebevollen Familien aufwachsen durften, mit so viel Hilfe, in einem Land wie Deutschland.

 

Ja, Chemo ist nicht nicht geil. Ich fand mein Gesicht auch echt hübscher mit Wimpern. Aber man, was für eine irre Zeit die letzten Monate waren. Wie viel wir gelernt haben. Wie unglaublich privilegiert wir uns fühlen werden, wenn wir unserem Kind dabei zuschauen dürfen, wie sie zu dem Rockstar heranwächst, der sie schon jetzt verspricht zu werden.

 

Sie sagen, wie gut es zu laufen scheint. Wie gut die Scans aussehen. Wie entspannt unsere Tochter alles mitmacht. Wie 28 Tage Bestrahlung praktisch ohne Nebenwirkungen vergangen sind. Wie unglaublich es ist, dass meine Haare plötzlich wieder nachwachsen, mitten im achten Chemozyklus. Was für ein Glückskind ich sein muss.

 

Und oh, wie Recht sie haben!

By | 2018-01-18T08:44:03+00:00 Januar 17th, 2018|Aus meinem Leben, Familie|2 Comments

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2 Comments

  1. Tanja Februar 4, 2018 at 11:00 am - Reply

    Danke für‘ s teilen Mila 🙏🏼, Deine Worte berühren mich, sie haben die nötige Tiefe, um nichts zu bagatellisieren und transportieren gleichzeitig und ganz spürbar eure gelebte Leichtigkeit, Liebe und Lebensfreude. Wie schön !!! Ich folge gerne weiter und hoffe es geht Dir auch jetzt grad den Umständen entsprechend gut.
    Liebste Grüße aus Friedrichshagen, dem kleinen Berlin am See ☺️
    Tanja

    • Mila Februar 4, 2018 at 8:18 pm - Reply

      Liebe Tanja,
      vielen Dank für deine lieben Worte und ganz liebe Grüße an den kleinen See 🙂
      Und jippiiee, mein erster Kommentar auf dem neuen Blog :))

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